Archiv für den Monat Februar 2014

Am Steg

Die kleine Bucht am See ist umrandet von Schilf, das sich sanft im lauen Wind wiegt. Über eine Wiese schlendert die Träumerin in Richtung See und sieht den kleinen Holzsteg, der über das Ufer hinweg in den See hinein führt. Barfuss betritt sie den Steg, der noch von der untergehenden Sonne gewärmt ist. Sie blickt  über das ruhige Gewässer hinweg, in dem sich ein paar Blässhühner mit ihren Jungen tummeln. Der Abendhimmel ist getüncht in ein kräftiges Abendrot, ein Bussard dreht noch seine Kreise. 

Am Ende des Stegs setzt sie sich hin, lässt ihre Beine baumeln und taucht die Zehenspitzen in das erfrischende Wasser. Dieser zauberhafte Ort umhüllt sie, kein überflüssiger Laut dringt in die Musik der Natur ein.

Hier darf sie ihren Gedanken freien Lauf lassen, Sehnsüchten ihren Platz einräumen. Bestimmt hat der Wunsch nach Ruhe und den Schönheiten der Natur sie hierhin geführt. 

Die Oberfläche des Sees beginnt sich zu kräuseln, als wäre sie aufgeregt. Mit einem mal ist auch die Träumende etwas aufgewühlt, verspürt eine Nähe. Unsicher dreht sie sich um, richtet ihren Blick zurück, dem Steg entlang. Wer ist es, der sich über die Wiese dem Holzsteg nähert?

Der Besucher betritt den Steg, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ist das hier nicht ihr Traum? Hat sie ihn etwa gerufen, ohne es zu bemerken? Oder ist dies sein Traum und er hat sie herein gebeten? Lächelnd kommt er auf sie zu, atmet die Abendluft tief ein und fragt in seiner charmanten Art, ob er sich setzen darf. Sie bittet ihn darum, obwohl ihr klar ist, dass er nicht vor hat, es nicht zu tun.

Gemeinsam geniessen sie die Stimmung des warmen Sommerabends. Die Stille, die Farben, die Düfte. Sie hätte tausend Fragen im Kopf, aber keine vermag sich als erste vorzudrängen. Ihr wird klar, dass dieses miteinander schweigen können eine Art Verbundenheit bedeutet. 

Neugierig wendet sie sich ihrem Besucher zu. Er richtet seinen Blick in sie hinein und tritt in ihre Seelenlandschaft. Er blickt sich um, geht von Raum zu Raum und fühlt sich wie zu Hause. Sie selbst kann nicht glauben, was passiert. Wie ein offenes Buch liegt sie vor ihm da, geduldig liest er Zeile um Zeile, schlägt behutsam Seite um Seite um. Und dann richtet sie ihren Blick zu ihm und er braucht ihr nichts zu sagen. Sie kann es in seinen Augen sehen.

La Rose de porcelaine

Auf meinen Streifzügen durch die wundervollen Inseln Polynesiens bin ich vielen Schönheiten der Natur begegnet. Zu Wasser der Vielfalt von bunten Fischen und Korallen, zu Land einer unbeschreiblich schönen Pflanzenwelt, die mich mit ihren Farben und Düften stets verzaubert hat. Fasziniert hat mich, wie die Einwohner viele der Pflanzen im Alltag nutzen, sei es als Schmuck, Parfum, Gewürz oder Heilmittel. Man ist der allgegenwärtigen Natur viel näher als in unseren Gefielden und schätzt sie entsprechend.

Die schönste aller schönen Blüten, die ich jemals sah, die fand ich ebenfalls auf so einer Entdeckungstour. Ich war ergriffen von ihr und weiss nicht, wie ich sie beschreiben soll. Sieht selbst, hier ist sie, die Rose de Porcelaine.

Taschengedicht

Sieh dir diese Tasche an,
was die alles zeigen kann:

Schlüssel, Kuli, Taschentücher
Fahrplan, Zettel, Lippenstift

Sieh dir diesen Inhalt an, 
was der so verbergen kann:

Was du öffnest, was du schliesst,
was du schreibst, was du verschweigst,
was du trocknest, wenn du weinst,
wo du hingehst, wo du bleibst,
was du täglich überstreichst.

Impuls „Tasche“ #frapolymo @fraupaulchen

50% – Ja zur Masseneinwanderungsinitiative

Für diesen Beitrag hat mir die grossartige Zora Debrunner eine Carte blanche auf ihrem Blog erteilt:

http://apfelland.wordpress.com/2014/02/09/carte-blanche-fur-sandrastrazzi-50-ja-zur-masseneinwanderungsinitiative/

Mein Vater hat sich in den 50er Jahren mit seinem Vater zerstritten. Sie waren sich über den Weg, den die Familie in Zukunft gehen sollte, nicht einig. Als junger Mann, aufgewachsen im Krieg, schlecht gebildet, nichts anderes gewohnt als zu arbeiten, verliess mein Vater sein Land und seine Familie, um im Nachbarland Schweiz Arbeit zu finden. Dort gäbe es genug davon und man werde dafür anständig entlöhnt, so hiess es von Landsleuten. Er würde sich dort mit Fleiss jenes Geld verdienen, mit dem er sich dann im eigenen Heimatland seine Zukunft aufbauen würde. So sein Plan.

Kaum hatte er nach langem Warten seinen Pass erhalten, der ihn als Italiener auswies, ein Papier, das ihm zum ersten Mal in seinem Leben eine Identität verlieh, die über die Grenzen seiner Heimatprovinz hinaus galt, kaum hatte er dieses Dokument in seinen Händen, da zog es ihn weg. Es hat ihn nicht gestört, dass sein Name auf dem Reisepass, der ihm den Weg in seine Zukunft öffnen würde, dass der Name da falsch geschrieben war, wen kümmert das schon. Sie würden ihn halt einfach so nennen, wie es da steht und überhaupt, es würde ja nicht für lange sein.

Nun, es kam anders als gedacht. Die hübsche Verkäuferin im Lebensmittelladen hatte einfach zu schöne Augen und ihr Lächeln liess ihn spüren, dass ihm nicht alle Schweizer mit Misstrauen begegneten. Plötzlich gab es einen Grund, so rasch wie möglich Deutsch zu lernen, sich mit den Sitten dieses fremden Landes etwas genauer bekannt zu machen.

Die Verbindung der jungen Schweizerin mit dem jungen Italiener brachte den beiden einige Schwierigkeiten ein. Nicht nur aus Sicht der Schweizer, nein, auch die Italiener fanden das problematisch. Nicht die beiden. Sie heirateten und gründeten eine Familie. Die Kinder wurden als Italiener geboren, für die Bestimmung des Heimatlandes war der Pass des Vaters zuständig. Es war meinem Vater nie ein Bedürfnis, den Schweizer Pass zu bekommen. Er war Italiener, basta. Die Staatsbürgerschaft seiner Kinder, das war etwas anderes. Seine Kinder sollten Schweizer sein, das wollte er so sehr, dass er mit ihnen nur Deutsch redete – und dies obwohl seine junge Schweizer Ehefrau der italienischen Sprache durchaus mächtig war. Und sobald es möglich war, wurden seine zwei Söhne und die drei Töchter eingebürgert in das Land, in dem sie geboren wurden, dessen Sprache sie sprachen und dessen Schulen sie besuchten. Und so hat die junge Schweizerin ihrem Land fünf Schweizer geschenkt, gezeugt von einem Italiener zwar, aber hier geboren, eingeschult, ausgebildet, weitergebildet, Mitarbeiter geworden, Steuern bezahlt, Kunden geworden, Arbeitsplätze geschaffen.

Heute, sechzig Jahre nach der Ankunft des jungen Italieners in der Schweiz, haben 50% der Mitbürger seiner Kinder ihnen klar gemacht, dass es genug ist. Sie haben mit einem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der Schweizerischen Volkspartei den Kindern dieses jungen Italieners gezeigt, dass ihre Geschichte falsch gelaufen ist. Sie haben deutlich gemacht, dass ihr Vater in ihrer heutigen Heimat wohl als Arbeitskraft willkommen wäre, dass er ihr Land nach getaner Arbeit aber wieder zu verlassen hat.

Nichts mit den schönen Augen der Verkäuferin, die gehören den Schweizern; eine Italienerin soll er sich suchen, in Italien gefälligst. Die soll dann seine italienischen Kinder in einem italienischen Spital gebären. Sie sollen in Italien italienische Schulen besuchen und die italienische Sprache sprechen. Sollen sie doch in Italien auf ihren Vater warten, der in mehr oder weniger unregelmässigen Abständen nach Hause kommt. Sie könnten doch einen Beruf in der Tourismusbranche erlernen und im Sommer Schweizer Touristen bedienen, die ihnen dann erzählen, wie schön es in der Schweiz ist. Wie glücklich sie und ihr Vater sich schätzen können, dass er dort eine Arbeit gefunden hat. Und sie könnten ja mal als Touristen in die Schweiz kommen und sich anschauen, woher die Schwielen an den Händen ihres Vaters kommen: All die schönen Doppelmauerwerkeinfamilienhäuser mit extra dicken Betonwänden für die Zivilschutzkeller, all die prachtvollen Bankgebäude mit Hochsicherheitsbetonwänden.

Für die schöne Verkäuferin gibt es natürlich auch einen Plan: Sie könnte doch einen Schweizer heiraten, am besten einen Bauern. Sie müsste ihm nicht gerade fünf Schweizer Kinder gebären, zwei würden schon reichen. Am besten einen Sohn, der den Bauernhof übernehmen könnte und eine Tochter, die dann einen anderen Bauern heiraten könnte. Oder sonst einen reichen Schweizer, einen Banker zum Beispiel, der in dem schönen Bankgebäude arbeitet, das die Italiener ihm gebaut haben. Mit nur zwei Schweizer Kindern pro Schweizer Familie wären die Schweizer Schulen nicht so überfüllt und auf den Strassen wäre genug Platz, damit die Schweizer Schüler zur gleichen Zeit wie ihre Schweizer Väter unterwegs sein könnten. Das würde auch weniger Unfälle verursachen, ist doch praktisch!

Tja, liebe Kinder des jungen Italieners und der jungen Schweizerin, Glück habt ihr gehabt mit eurer Geschichte, aber jetzt ist genug! Jetzt läuft alles wieder nach Plan, verstanden?