Archiv für den Monat März 2014

Über fremdenfreundliche Menschen

Auf den Rückweg vom heutigen Spaziergang durch den nahe gelegenen Wald trafen wir an der Grillstelle auf eine Familie. Über dem Feuer lag eine Art Deckel, auf dem Glut und Asche aufgetürmt waren. Die Mutter wusch Gemüse am Brunnen und die erwachsene Tochter schichtete einen dünnen Teig in ein rundes Blech. Der Vater kümmerte sich um das Gemüse auf dem Grill und der ebenfalls erwachsene Sohn sass mit einem bunten Ball in seiner Hand auf der Holzbank und blickte ins Feuer.

Der mit Glut belegte Deckel machte mich neugierig und ich war so frei, die mir unbekannte Familie anzusprechen und zu fragen, ob etwas unter der Glut verborgen sei. In allen Gesichtern sah ich unvermittelt Freude über mein Interesse. Die Mutter deutete ihrer Tochter in einer mir fremden Sprache, sie soll mit mir reden und es mir erklären. Der Vater kam ebenfalls zu uns und erzählte uns in etwas gebrochenem Deutsch, dass es sich um eine Spezialität aus ihrer Heimat, dem Kosovo, handle.

In dem runden Blech, welches von einem etwa 5 cm hohen Rand umschlossen war, goss die Tochter eine weisse Sosse auf den vorher angebackenen Teig. Sie erklärte uns, dass es sich dabei um einen Pita-Teig handle, den sie selbst vorbereitet hatten. Die weisse Sosse sei Crème fraiche.

Der Familienvater erzählte uns, dass der Deckel mit der Glut auf den Blechrand gelegt würde, was uns prompt vorgeführt wurde. Das ganze müsse sehr sorgfältig vorbereitet werden, nicht zu viel Hitze, viel Geduld und Zeit. Ideal, an einem so wunderschönen Frühlingstag, da könnten sie Zeit zusammen verbringen und gemeinsam das Nachtessen vorbereiten. Nach dem Backen folgen dann weitere Schichten mit Teig und Crème fraiche, dazu wird das grillierte Gemüse serviert.

Mittlerweile gesellte sich auch der Sohn zu uns, er schien körperlich und geistig behindert zu sein. Unsere Anwesenheit machte ihn wohl etwas nervös oder er war einfach neugierig. Sein Vater strich ihm zärtlich über die Wangen, worauf sich der junge Mann beruhigte.

Ich bedankte mich bei der Familie für die Erklärungen und bemerkte, dass das sehr lecker aussah und auch der Duft war unglaublich verlockend. Der Vater meinte spontan, wir seien ganz herzlich eingeladen, mit ihnen zusammen zu essen. Leider dauere das noch ein rechtes Weilchen, weil noch ein paar Schichten sorgfältig gebacken sein wollten. Ich fühlte mich sehr geehrt und war berührt von dieser Gastfreundlichkeit uns ihnen doch völlig fremden gegenüber.

Leider mussten wir die Einladung ablehnen, was die Familie fast schon etwas enttäuschte. Der Vater erklärte uns, wo sie wohnten und er fragte, ob wir auch im gleichen Dorf zu Hause seien. Wir erklärten ihm, dass wir ganz in der Nähe wohnten, worauf er spontan vorschlug, uns eine Portion nach Hause zu bringen, damit wir nicht im Wald warten müssten.

Liebe Leser, ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich habe diese Menschen einerseits sofort in mein Herz geschlossen und anderseits um ihre offene, herzliche Freundlichkeit und um das gemütliche, entspannte Zusammensein beneidet.

Fremdenfeindlich, nein danke.

Still und leise

Leise. Still und leise, 
hab ich bei dir gewacht. 
Weise. Still und weise, 
hast du dich aufgemacht. 
In dich – durch mich.

Ein Stück 
hast du mir genommen 
ein Stück 
hast du mir gelassen. 
Durch dich – in mir.

Enthüllung

Eingehüllt im Wunsch des Vergessens
Zugedeckt durch Jahre des Schweigens
Beschattet von peinvoller Furcht
Übergangen von achtlosem Verdrängen

Wahrgenommen durch dein Empfinden
Erhellt durch deine Betrachtung
Aufgedeckt durch deine Nähe
Enthüllt durch deine Liebkosung 

 

Abschied auf Raten

Es begann vor etwa 4 Jahren. Seine Frau erzählte mir besorgt und mit erstickter Stimme, der Arzt habe Verdacht auf Alzheimer geäussert. Die anfänglichen kleinen Vergesslichkeiten seien einfach immer auffälliger geworden. Aus der unauffälligen Frage beim Mittagessen „Du, welches ist schon wieder der schnellste Weg nach Rupperswil?“ wurde ein „Trinke ich den Kaffee immer mit Zucker?“.

Ich denke erst an einen schlechten Scherz. Diesen Mann kenne ich als echten Kerl. Morgens früh raus, rauf auf die ganz grossen Maschinen. Verantwortung tragen als Unternehmer, die Jungen fordern und fördern. Umsichtige Entwicklung und Planung der Zukunftsinvestitionen. Feuerwehrdienst mit Herzblut. Familie, Frau und Kinder beschützen. Der ist vielleicht ein bisschen überarbeitet, aber DEM könnte so etwas wie Alzheimer NIE passieren. Der erholt sich wieder, schliesslich ist er erst 58 Jahre jung.

Der Verdacht erhärtet sich. Er wird zur Gewissheit. Ich bewundere, wie die Familie sich mit ihrem Schicksal auseinander setzt. Was ist Alzheimer? Was kann ich tun? Nichts. Nichts kann man tun, zumindest nichts, was der Krankheit entgegen wirken würde. Sie nimmt ihren Lauf und zeigt ihr Gesicht: Tränen der Verzweiflung für diejenigen, die ihren Ehemann, Vater, Freund bei lebendigem Leib verlieren. Misslungene Versuche, den Patron im Firmengeschehen dabei zu halten. Die Sicherheit geht vor, der Kranke greift in eine Transportschnecke und kann nicht erklären, weshalb. Glück gehabt, gerade noch.

Noch kann ich mit ihm reden, er weiss, was mit ihm geschieht. Regelt, was noch geregelt werden kann. Die immer gute Laune wird rarer. Die unzähligen Erlebnisse, die er zu jeder Gelegenheit so lebensfroh erzählen konnte, verstummen. Er zieht sich zurück. Das nächste Mal, als ich ihn sehe, ist ihm schon nicht mehr wohl, wenn ich ihn anspreche. Er braucht lange, um zu verstehen, wen ich mit seinen Enkelkindern meine. „Doch, ja, natürlich, ich habe heute morgen mit ihnen Schnee geräumt!“ Bald sind seine Enkel das einzige, auf das er überhaupt noch reagiert. Ihm ist am wohlsten, wenn er nicht angesprochen wird.

Heute gehe ich wieder auf ihn zu. Schön zu sehen, dass er noch täglich in Vollausstattung im Geschäft auftaucht. Latzhose, Sicherheitsschuhe, Leuchtjacke. Ich strecke ihm meine Hand entgegen und begrüsse ihn wie immer, wie ich es seit 13 Jahren tue, wenn ich ihm begegne. „Sali Höisu, wie hesch?“ Er sieht mich an und sieht mich nicht. Dann ein Lächeln, ein Händedruck. „Hoi, besch ou do.“ Er begrüsst mich. So, wie er es noch nie getan hat in den 13 Jahren. Die Hand entzieht er mir, den Blick auch. Weg ist er, weg im Hier.

Auf diesen Beitrag hat mir die wunderbare Zora Debrunner auf ihrem Blog „Demenz für Anfänger“ geantwortet:

http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/03/03/das-erste-mal/

Herzlichen Dank, liebe Zora, Deine Beiträge über Deine Oma Paula sind sehr berührend. Die Nomination des Blog zum Grimme Online Award
2014 ist wohlverdient!