Abschied auf Raten

Es begann vor etwa 4 Jahren. Seine Frau erzählte mir besorgt und mit erstickter Stimme, der Arzt habe Verdacht auf Alzheimer geäussert. Die anfänglichen kleinen Vergesslichkeiten seien einfach immer auffälliger geworden. Aus der unauffälligen Frage beim Mittagessen „Du, welches ist schon wieder der schnellste Weg nach Rupperswil?“ wurde ein „Trinke ich den Kaffee immer mit Zucker?“.

Ich denke erst an einen schlechten Scherz. Diesen Mann kenne ich als echten Kerl. Morgens früh raus, rauf auf die ganz grossen Maschinen. Verantwortung tragen als Unternehmer, die Jungen fordern und fördern. Umsichtige Entwicklung und Planung der Zukunftsinvestitionen. Feuerwehrdienst mit Herzblut. Familie, Frau und Kinder beschützen. Der ist vielleicht ein bisschen überarbeitet, aber DEM könnte so etwas wie Alzheimer NIE passieren. Der erholt sich wieder, schliesslich ist er erst 62 Jahre jung.

Der Verdacht erhärtet sich. Er wird zur Gewissheit. Ich bewundere, wie die Familie sich mit ihrem Schicksal auseinander setzt. Was ist Alzheimer? Was kann ich tun? Nichts. Nichts kann man tun, zumindest nichts, was der Krankheit entgegen wirken würde. Sie nimmt ihren Lauf und zeigt ihr Gesicht: Tränen der Verzweiflung für diejenigen, die ihren Ehemann, Vater, Freund bei lebendigem Leib verlieren. Misslungene Versuche, den Patron im Firmengeschehen dabei zu halten. Die Sicherheit geht vor, der Kranke greift in eine Transportschnecke und kann nicht erklären, weshalb. Glück gehabt, gerade noch.

Noch kann ich mit ihm reden, er weiss, was mit ihm geschieht. Regelt, was noch geregelt werden kann. Die immer gute Laune wird rarer. Die unzähligen Erlebnisse, die er zu jeder Gelegenheit so lebensfroh erzählen konnte, verstummen. Er zieht sich zurück. Das nächste Mal, als ich ihn sehe, ist ihm schon nicht mehr wohl, wenn ich ihn anspreche. Er braucht lange, um zu verstehen, wen ich mit seinen Enkelkindern meine. „Doch, ja, natürlich, ich habe heute morgen mit ihnen Schnee geräumt!“ Bald sind seine Enkel das einzige, auf das er überhaupt noch reagiert. Ihm ist am wohlsten, wenn er nicht angesprochen wird.

Heute gehe ich wieder auf ihn zu. Schön zu sehen, dass er noch täglich in Vollausstattung im Geschäft auftaucht. Latzhose, Sicherheitsschuhe, Leuchtjacke. Ich strecke ihm meine Hand entgegen und begrüsse ihn wie immer, wie ich es seit 13 Jahren tue, wenn ich ihm begegne. „Sali Höisu, wie hesch?“ Er sieht mich an und sieht mich nicht. Dann ein Lächeln, ein Händedruck. „Hoi, besch ou do.“ Er begrüsst mich. So, wie er es noch nie getan hat in den 13 Jahren. Die Hand entzieht er mir, den Blick auch. Weg ist er, weg im Hier.

Auf diesen Beitrag hat mir die wunderbare Zora Debrunner auf ihrem Blog „Demenz für Anfänger“ geantwortet:

http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/03/03/das-erste-mal/

Herzlichen Dank, liebe Zora, Deine Beiträge über Deine Oma Paula sind sehr berührend. Die Nomination des Blog zum Grimme Online Award
2014 ist wohlverdient!



Kategorien:Geschichten

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  1. Danke für deine offenen Zeilen. Wünsche dir viel Kraft!

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  2. Du hast die Begleitung und deine Gedanken zu diesem Menschen mit Liebe und sehr feinfühlig in der Art beschrieben, Schicksals-Schläge sind manchmal schwer zu verstehen. Ich finde deinen Blog sehr ansprechend. Leider fällst Du bei mir immer in den Spam.
    Ich bin 72 und habe so eine fast 30-jährige Geschichte überwunden.
    Liebe Grüsse. Ernst

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