Die goldene Armbanduhr

Sie legte die filigrane Armbanduhr längs über ihre Handinnenfläche, so, dass der goldene Verschluss des schwarzen Armbandes auf der Kuppe ihres Zeigefingers lag. Der runde Uhrkörper schmiegte sich an den sensiblen Punkt des Handtellers, an dem die Herzlinie begann. Das andere Ende des schmalen Lederarmbandes, das sich durch das Tragen der Uhr am Handgelenk zu einem Bogen geformt hatte, lag exakt am Ende ihrer Lebenslinie. Sanft, fast zärtlich, strich sie mit der rechten Hand über das leicht gewölbte Glas, das sich als schützendes Dach über das goldfarbene Zifferblatt spannte. Als Ziffern dienten zwölf eher kantige, gegen innen spitz zugeformte Balken, die der ansonsten in feinen, runden Linien gestalteten Uhr etwas Markantes verliehen. Die wiederum äusserst filigranen Zeiger hatten ihre letzte Bewegung vor ungezählten Jahren um exakt drei Uhr fünfunddreissig und vierunddreissig Sekunden ausgeführt. Seither hatte niemand es für wichtig erachtet, der Uhr und ihrer Zeit wieder Leben einzuhauchen.

Die Uhr einer längst untergegangenen Marke hatte keinen materiellen Wert. Das Gehäuse war nur vergoldet und das spröde Lederarmband konnte seine Abnutzung nicht mehr verbergen. Und doch, für sie, in deren Hand sie nun lag, war sie von unschätzbarem Wert. Sie legte die Uhr über ihr linkes Handgelenk, als wollte sie sie anziehen. Die Grösse würde passen, das zierliche Handgelenk hatte ihre Mutter ihr vererbt. Das aus Gelbgold gefertigte Herz, angebracht an der Halterung des Armbandes, legte sich schlafend auf ihre Haut.

Ihre Mutter hatte zeitlebens nicht viel Schmuck besessen. Zwei oder drei Paar Ohrringe, eine dünne Halskette aus Gelbgold, an der ein ebenfalls goldenes Kreuz hing. Dazu kam später zur Verlobung von ihrem zukünftigen Mann die filigrane Armbanduhr und kurz darauf der schlichte, ebenso gelbgoldene Ehering, den sie bis an ihr Lebensende trug. Den Ring ihres Gatten, mit dem sie mehr als fünfzig Jahre ihres langen Lebens geteilt hatte, verschenkte sie nach dessen Tod ihrer Enkelin.

Ihre Eltern waren nun schon vor vielen Jahren verstorben und auch sie selbst war alt geworden. Dachte sie an ihre Kindheit zurück, wurde ihr heute noch schwer ums Herz. Es gab nicht viele Andenken an diese Zeit, ein paar wenige Fotos nur, alle älter als sie selbst. Die Zeit, in der die Uhr, die still auf ihrem Handgelenk lag, noch tickte, lebte nur noch in ihren Erinnerungen.

Sie hatten oft gestritten, ihr Vater hatte sich alles anders vorgestellt in seinem Leben und ihre Mutter auch. Gegenseitige Vorwürfe machten das fehlende Geld nicht wett und die viel zu grosse Kinderschar war unerbittlich in ihren Forderungen an die Eltern. „Sei froh, Kind, dass wir Dich auch noch durchgefüttert haben!“ „Wärt ihr Kinder nicht, ich hätte ihn schon längst verlassen!“ Als jüngstes Kind der Familie hatte sie ihre Eltern erst kennen gelernt, als deren Beziehung längst zur frustrierten Zweckgemeinschaft mutiert war.

Und doch, zu einer anderen Zeit, musste die Verbindung ihrer Eltern eine liebevolle gewesen sein. Eine Beziehung, die gegen gesellschaftliche Zwänge kämpfte und gewann. Ein verliebter, stämmiger Mann, der sich das Geld für eine filigrane Armbanduhr vom Mund absparte und eine zauberhafte Frau, deren Herz darüber aufging. Und irgendwann, vor ungezählten Jahren, um exakt drei Uhr fünfunddreissig und vierunddreissig Sekunden, war diese Zeit vorbei.

4 Gedanken zu „Die goldene Armbanduhr

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