Die Frau im Zug

Fahren Sie auch nach Bern?

Das Meeting in Genf war anstrengender gewesen als gedacht und er hatte noch einige Aufgaben zur Nachbearbeitung gefasst. Einen Teil davon wollte er im Zug gleich in Angriff nehmen, die Fahrt würde fast zwei Stunden dauern. «Gerade noch erwischt!», dachte Yves und war froh, dass er einen Fenstersitzplatz fand, an dem er seinen Laptop installieren konnte. Während sich der Zug schon in Bewegung setzte, legte der junge Rechtsanwalt seinen Trenchcoat und den Aktenkoffer auf die Ablagefläche oberhalb der Sitzplätze und machte es sich bequem. Er sass auf der rechten Seite des Zuges, was ihm den Blick auf den Lac Léman und seine herrliche Bergkulisse ermöglichen würde.

Yves war durstig und trank den Rest seines Mineralwassers aus der Petflasche. Dabei liess er seine Augen durch das Zugabteil schweifen. Vis-à-vis lag eine junge Frau in kurzen Hosen, braun gebrannt und offensichtlich sehr müde. Der Koffer unter ihrem Sitz verriet, dass sie wohl direkt aus den Ferien kam und schon im Flughafen zugestiegen war. Ihren hübschen Blondschopf hatte sie auf eine Jeansjacke gebettet, die zusammengeknüllt auf der Armlehne lag.

Im Abteil nebenan, auf der gleichen Seite wie Yves, streckte ein hochgewachsener Mittvierziger seine langen Beine unter den gegenüber liegenden Sitz, der nicht belegt war. Am Fenster, schräg gegenüber von Yves, entdeckte er einen bunt gepunkteten Regenmantel, der am dafür vorgesehenen Haken neben der Fensterscheibe hing. Die Besitzerin des farbenfrohen Stückes hatte ihn entweder dort vergessen oder sass vielleicht im Restaurantwaggon des Zuges.

Der bunte Regenmantel am Fenster erinnerte ihn an seine Kindheit, als er mit seiner Mutter aus der Romandie in die deutsche Schweiz umgezogen war. Damals hatte seine Mutter eine Stelle in Bern angenommen. Zum ersten Mal leitete eine Frau das Collegium generale der Universität Bern. Heute war er stolz auf seine Mutter, als Bub konnte er den Umzug aber nicht verstehen. Es war ihm sehr schwer gefallen, seine Grosseltern und die Schulfreunde zu verlassen. Bald würde der Zug durch diese malerische Gegend fahren, fast mitten durch die Rebberge, in denen er damals viel Zeit mit seinem Grand-Père verbrachte. Nach dem Umzug war dies nur noch in den Schulferien möglich gewesen, weshalb ihm diese Wochen als schönste Zeit des Jahres in Erinnerung geblieben waren.

In Gedanken versunken, blickte Yves aus dem Zugfenster über den glitzernden See. Er erinnerte sich sehr genau daran, wie unglücklich er damals war und welche Angst er hatte, keine neuen Freunde zu finden. Wer würde ihm schon seinen Blutsbruder Jacques ersetzen können? Ob seine neue Lehrerin auch so lustig sein würde, wie Madame Dumas, oder ob er einen strengen Lehrer bekommen würde?

Als sie damals mit dem Zug nach Bern gefahren waren, um die neue Wohnung zu besichtigen, hatte er seiner Mutter sein Herz ausgeschüttet. «Aber natürlich wirst du neue Freunde finden, hier gibt es genau so viele tolle Jungs wie in Lutry. Mach dir keine Sorgen», hatte sie gesagt. Sie hatte ihm übers Haar gestrichen und liebevoll die Stirn geküsst. Und dann hatte er den bunt getupften Regenmantel gesehen, schräg gegenüber am Haken neben dem Fenster. Die Frau, die neben dem Mantel sass, hatte einen Stapel Hefte auf ihrem Schoss und malte mit einem Farbstift kleine Zeichen auf die beschriebenen Seiten. Sie schmunzelte vor sich hin und sah sehr nett aus. Wie seine Mutter trug sie ihre dunklen Haare schulterlang. «Maman, maman», hatte er mit leiser Stimme gerufen, und dann geflüstert: «So wünsche ich mir meine neue Lehrerin!» «Mein lieber Yves, bestimmt wirst du deine neue Lehrerin oder deinen neuen Lehrer mögen», hatte Maman leise erwidert.

Nach dem Umzug in den Sommerferien hatte er schon Nico kennengelernt, ein quirliger Kerl mit Sommersprossen im Gesicht. Sie hatten zusammen mit Tim, der Jahre später mit ihm zusammen studieren würde, Fussball gespielt. Er wusste, dass er die beiden Jungs an seiner neuen Schule wiedertreffen würde. Aber was, wenn die anderen Kinder ihn nicht mochten?

In der Nacht vor dem ersten Schultag hatte Yves kaum geschlafen. Er war nervös und blickte am frühen Morgen aus dem Fenster. Der Himmel war mit dicken, dunkelgrauen Wolken überzogen. «Du bist so still», meinte seine Mutter beim Frühstück und munterte ihn auf: «Yves, du bist ein grossartiger Junge, deine Klassenkameraden werden dich mögen, du wirst sehen. Komm, zieh deine Regenjacke an und gib mir die Hand, wir gehen zusammen zum Schulhaus », forderte sie ihren Sohn auf. «Maman! Ich bin doch schon gross! Was denken denn die anderen, wenn ich noch an deiner Hand gehe?» Und so gingen sie nebeneinander her zur Schule und Yves fühlte sich schon fast ein bisschen erwachsen.

«Sandwich, Kaffee, Getränke!», die Ankündigung der Minibar riss Yves aus seinen Gedanken. Erstaunt sah er, dass sie schon an Lausanne vorbeigefahren waren. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass der Zug angehalten hatte und der Mann im Abteil neben ihm offenbar dort ausgestiegen war. Die Frau ihm gegenüber schlief immer noch tief und fest. Er kaufte sich eine Cola und erhaschte noch die letzten Blicke auf die Lavaux, die Rebberge und den See, bevor der Zug in Richtung Fribourg abbog.

Auf dem Weg zum Schulhaus hatte der Regen eingesetzt und seine Mutter achtete darauf, dass Yves nicht in die nächstbeste Pfütze sprang. Kaum hatten sie den Schulhauseingang erreicht, kam ein Mann auf die beiden zu. «Frau Aeby, herzlich willkommen! Und du bist also Yves.» Yves gab dem Rektor artig die Hand und schaute sich dann neugierig im Schulhaus um. «Ah, und da kommt auch schon Frau Schütz, deine neue Lehrerin!», rief der Rektor. Yves drehte sich um, blickte über den Pausenplatz und sah eine Frau auf sie zukommen. Sie hatte dunkle, schulterlange Haare, trug einen bunt getupften Regenmantel und lächelte fröhlich. Und da wusste er: alles würde gut werden.

Yves musste schmunzeln, er dachte gern an diese Zeit zurück, auch wenn es für ihn nicht immer einfach war. Erstaunlich, was für Geschichten dieser bunte Regenmantel, der dort drüben am Haken hing, in ihm hervorrief. Inzwischen fuhr der Zug entlang des Plateaus, welchem das Gruyère mit seiner hügeligen Landschaft zu Füssen lag. Yves mochte diese Strecke und genoss die Aussicht auf das Spiel von Licht und Schatten über den abgemähten Wiesen. Der Laptop stand noch unberührt auf dem ausgeklappten Tablar. Seine anfängliche Motivation, sich auf der Rückfahrt sogleich in die Arbeit zu stürzen, war verschwunden. Viel lieber hing er seinen Gedanken nach.

«Danke fürs Aufpassen, ist ja alles noch da!» Yves drehte den Kopf in Richtung der Stimme, die ihn aus seinen Gedanken holte. Die attraktive Frau mit den dunklen, adrett gezähmten Locken lächelte keck, als sie sich an den Sitzplatz zu ihrem bunt getupften Regenmantel begab. Yves schaute sich verwundert um und als er niemanden sah, verstand er, dass sie ihn gemeint hatte. «Oh, das habe ich gerne gemacht, mein Honorar dafür wird sie allerdings schockieren», entgegnete er ihr mit einem Augenzwinkern. «Nun, wir werden sehen,» konterte sie mit angedeutetem Stolz und einer hochgezogenen Augenbraue, «ob es da noch Verhandlungsspielraum gibt. Fahren Sie auch nach Bern?»

Yves blickte in ihre zauberhaften, dunkelbraunen Augen und antwortete: «Ja, ich fahre auch nach Bern, jetzt erst recht.»

Der Text wurde im Rahmen des Schreibwettbewerbes „Die Frau im Zug“ im Vidal Verlag ausgewählt und publiziert. Das Buch ist vergriffen, kann allerdings als E-Book hier bestellt werden.

4 Gedanken zu „Die Frau im Zug

  1. Elisabeth Walser

    Hey Sandy-Baby (oder ist das zu persönlich?)
    herzlichsten Dank für „dein“ Buch, welches sehr kurzweilig zu lesen ist! Und deine Geschichte ist wie du: Entschleunigen ist angesagt, träumen, verweilen, die Natur beobachten und staunen. Die Geschichte ist aber auch süss, romantisch und verträumt.
    Mach weiter so, sei mutig und fühl dich frei!

    Ly very much, Deine Liz

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