Am Rande irgendeiner Innenstadt

1963 – 1986
Jahreszahlen,
in Stein gemeißelt,
getrennt
durch einen Binde-
strich von dreiundzwanzig
Jahren Dauer.

Die Zeit dazwischen:
Dein Leben

Ich sitze auf einer Bank am Rande irgendeiner Innenstadt und nippe am Leben. Nicht, dass es zu heiss wäre, wie frisch aufgegossener Tee, nein, es scheint mir nur zu kostbar, um es gierig zu verschlingen. Der Becher ist gut gefüllt, auch wenn Du einen kräftigen Schluck davon getrunken hast. Ich ging sparsam um mit der Leere, die Du hinterliessest, teilen musste ich sie mit niemandem.

Die Zeit stand ohnehin still, weisst Du. Jedes noch so sanfte Berühren dieser Stille liess die Fragen glühen und verwischte die Antworten, längst bevor sie jemand niederschreiben konnte. Lautlosigkeit füllte die Glasglocke. Verblasste Antwortbuchstaben stillten die Zeit.

Das Leben ist ein Salamander. Verliert es einen Körperteil, wächst ein Neuer nach. Das hast Du nicht gewusst, oder? Du dachtest, da würde nichts mehr wachsen und Öde war nie Dein Land gewesen. Niemand konnte so fabelhaft wie Du vom Hier in die Fremde entführen. Deine Welt war das tiefe Horn des Dampfschiffes, das in die See stach, die auch Du selbst warst. Du warst das ansteckendste Lachen im Gesicht, kleine Grübchen, in die man sich verbergen konnte. Da spielte noch Musik. Wie schade, dass Du sie nicht hören konntest im Knall des Aufpralls auf die Mauer.

Ich kann sie sehen, die Mauer, am anderen Ende der Innenstadt. Bilder verblassen nicht, weisst Du. Das ist das Schlimme: zusehen. Man wird älter davon. Ich habe mir geschworen, heute nicht zu gehen, auf dieser Bank sitzen zu bleiben und das Leben in mich hinein rieseln zu lassen, weil ich früher oft gegangen bin, allzu oft. Und wer weiss – möglicherweise vermag der Regen doch noch, die Bilder zu verwaschen.

Kursiver Text: Aus »Der Schnee gilt mir« von Hermann Burger

4 Gedanken zu „Am Rande irgendeiner Innenstadt

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