Warum Lena Gott nicht mochte

Die kleine Lena schlich – im Pyjama und mit ihrem Teddy in der Hand – mucksmäuschenstill aus dem Schlafzimmer. Sie musste leise sein, um niemanden aufzuwecken. Trotz Angst vor der knarrenden Stiege am Ende des Estrichs huschte sie in den unteren Stock. Sie öffnete die dick mit Farbschichten überstrichene Wohnungstür und tappte auf Zehenspitzen blindlings durch Korridor und Stube neben Großvaters Bett. »Opa, ich kann nicht einschlafen.«

Eigentlich war es Opas und Omas Bett, aber Oma schlief nicht mehr da, sie war vor einiger Zeit in den Himmel umgezogen. Zur Sicherheit, falls sie im Traum mal zu Besuch kommen wollte, ließ Opa die Bettseite neben ihm stets angezogen und bettete Laken und Decke jeden Morgen und Abend genauso, wie er es auf seiner Seite auch tat. Und manchmal, wenn Lena nicht einschlafen konnte, durfte sie sich auf Omas Seite legen.

»Dann ist ja gut, dass du zu mir kommst, Lenchen. Sehr tapfer von dir, so alleine. Komm, schlüpf unter Omas Decke.« Opas gütige Augen blickten von der Bücherseite auf, die er gerade las.

Das ließ sich Lena nicht zweimal sagen. Zusammen mit ihrem Teddy kroch sie auf Omas Bettseite und wandte sich Opa zu. »Zeigst du sie mir nochmal, Opa?« »Ja, natürlich, Lenchen,« meinte Großvater und reckte sich nach dem in Silber gerahmten Foto auf seinem Nachttisch. »Schau nur, wie schön deine Oma war, und die Liebste dazu.« Lena konnte dieses Bild immer wieder bestaunen, jedes Mal entdeckte sie etwas Neues und noch Schöneres an ihrer Oma. »Singst du mir ihr Lied, Opa? Du weißt schon, das zur Nacht.« Großvater stellte das Bild sorgfältig auf die weiße Häkeldecke zurück, dann deckte er Lena ebenso sorgfältig zu und begann leise zu singen:

Guten Abend, gut`Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.

»Opa?«
»Ja, Lenchen?«
»Ich mag Gott nicht.«
»Aber Lenchen, weshalb denn nicht?«
»Weil er Oma nicht mehr geweckt hat.«
»Ach, Lenchen, das verstehe ich. Da mochte ich ihn auch eine ganze Weile lang nicht mehr.«
»Schlaf gut, Opa, ich hab dich sehr lieb.«
»Schlaf schön, Lenchen, ich hab dich auch sehr lieb,« schmunzelte Großvater und sang leise weiter:

Guten Abend, gut` Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süss,
schau im Traum `s Paradies.



Kategorien:Geschichten

Schlagwörter:

  1. Und da sagen die Leute, die Allzuschlauen, mensch könne heutzutage keine Geschichten mehr erzählen. Mir hat diese sehr gut gefallen.

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  2. toll geschrieben! Erinnert mich sehr an meine Söhne als meine Grossmutter, ihre Ur-Oma gestorben ist…

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