Warum Lena Gott nicht mochte

Die kleine Lena schlich – im Pyjama und mit ihrem Teddy in der Hand – mucksmäuschenstill aus dem Schlafzimmer. Sie musste leise sein, um niemanden aufzuwecken. Trotz Angst vor der knarrenden Stiege am Ende des Estrichs huschte sie in den unteren Stock. Sie öffnete die dick mit Farbschichten überstrichene Wohnungstür und tappte auf Zehenspitzen blindlings durch Korridor und Stube neben Großvaters Bett. »Opa, ich kann nicht einschlafen.«

Eigentlich war es Opas und Omas Bett, aber Oma schlief nicht mehr da, sie war vor einiger Zeit in den Himmel umgezogen. Zur Sicherheit, falls sie im Traum mal zu Besuch kommen wollte, ließ Opa die Bettseite neben ihm stets angezogen und bettete Laken und Decke jeden Morgen und Abend genauso, wie er es auf seiner Seite auch tat. Und manchmal, wenn Lena nicht einschlafen konnte, durfte sie sich auf Omas Seite legen.

»Dann ist ja gut, dass du zu mir kommst, Lenchen. Sehr tapfer von dir, so alleine. Komm, schlüpf unter Omas Decke.« Opas gütige Augen blickten von der Bücherseite auf, die er gerade las.

Das ließ sich Lena nicht zweimal sagen. Zusammen mit ihrem Teddy kroch sie auf Omas Bettseite und wandte sich Opa zu. »Zeigst du sie mir nochmal, Opa?« »Ja, natürlich, Lenchen,« meinte Großvater und reckte sich nach dem in Silber gerahmten Foto auf seinem Nachttisch. »Schau nur, wie schön deine Oma war, und die Liebste dazu.« Lena konnte dieses Bild immer wieder bestaunen, jedes Mal entdeckte sie etwas Neues und noch Schöneres an ihrer Oma. »Singst du mir ihr Lied, Opa? Du weißt schon, das zur Nacht.« Großvater stellte das Bild sorgfältig auf die weiße Häkeldecke zurück, dann deckte er Lena ebenso sorgfältig zu und begann leise zu singen:

Guten Abend, gut`Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.

»Opa?«
»Ja, Lenchen?«
»Ich mag Gott nicht.«
»Aber Lenchen, weshalb denn nicht?«
»Weil er Oma nicht mehr geweckt hat.«
»Ach, Lenchen, das verstehe ich. Da mochte ich ihn auch eine ganze Weile lang nicht mehr.«
»Schlaf gut, Opa, ich hab dich sehr lieb.«
»Schlaf schön, Lenchen, ich hab dich auch sehr lieb,« schmunzelte Großvater und sang leise weiter:

Guten Abend, gut` Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süss,
schau im Traum `s Paradies.

Manchmal 

Manchmal
tränke ich das Meer
mit meinem Salz
dann schöpfe ich
zwischen den Gezeiten
meine Kraft

Manchmal
gehe ich den Weg
zum See
dann schwimme ich
zwischen den Ufern
meiner Ruhe

Manchmal
flattern meine Worte
aus den Fingerspitzen
dann lege ich einen Gedanken
zwischen die leeren Seiten
meiner Erinnerungen

In wessen Hände

In wessen Hände legst du dein Leben?

In die deines dir liebsten Menschen, dem du uneingeschränktes Vertrauen entgegen bringst, weil du weißt, dass er es niemals missbrauchen würde? In die Hände des deutschen Narkosearztes, den du bis kurz vor dem Eingriff noch nie gesehen hast? In die steril vorbereiteten Hände des ungarischen Chefarztes der Neuroradiologie, der sie konzentriert vor seiner Brust hält und darauf wartet, dass er dir einen Katheter in die Arterie einführen kann, um von deiner Leiste über die Aorta bis zu deinem Gehirn zu gelangen? Oder legst du dein Leben in die Hände des polnischen Lastwagenchauffeurs vor dir, der mit seinem behaarten Unterarm winkt, was wohl bedeutet, dass die Gegenfahrbahn frei ist und du überholen kannst? Legst du dein Leben in die Hände deines kriegserfahrenen Kommandanten, der dir Rückendeckung verspricht, während du den Feind angreifst? Oder würdest du dein Leben in die Hände eines dir unbekannten Menschen unbekannter Nationalität legen, dessen Sprache du nicht verstehst, der dir aber zu verstehen gibt, dich mit 70 anderen Menschen in einem LKW über die Grenze in den Frieden zu fahren?

Welche Rolle spielen die genannten Nationalitäten in deinen Überlegungen, ob du dein Leben in die Hände dieser Menschen legen sollst? Legst du überhaupt jemals dein Leben in die Hände jemandes – und hattest du dabei bislang das Privileg der Wahl?

Ein Semesterende in 5 Teilen

1. Lehrerwahl
Ausgerechnet Pitzi Blödmann! Das hatte ihr gerade noch gefehlt, dass sie die Projektarbeit vor den Sommerferien mit diesem großkotzigen, ignoranten Kerl zusammen erarbeiten soll. Es war doch von vornherein klar, dass die ganze Arbeit ihr anhaften würde. Der blond gelockte Strahlemann hatte bestimmt nicht vor, seine wertvolle Zeit damit zu vergeuden, einen Tag lang draußen die Vögel am Bach zu beobachten. Geschweige denn, anschließend eine Klausurarbeit inklusive Text und Zeichnungen über das Gesehene zu gestalten. Und schon hielt ein besonders lustiger Klassenclown ein eiligst gekritzeltes Blatt Papier hoch: »Vögel(n) am Bach«. Ha ha ha. „Mit DER doch nicht“ bezeugte sein spöttischer Blick in die Schulklasse des Gymnasiums, als der Lehrer die Zuweisung der Themen auf die von ihm festgelegten »Paare« bekannt gab.

Anna hatte nicht vor, dieses Spiel mitzumachen, zudem konnte sie auf die Kränkungen gut verzichten. Also schnappte sie ihr Notizbuch, das Zeichenheft und die Stifte, schlüpfte in ihre Jeansjacke und machte sich auf zum nahe gelegenen Bach. Ihre Lieblingsstelle lag ganz in der Nähe der alten Holzbrücke, da, wo der Wasserlauf verzweigte, um etwa hundert Meter weiter vorne wieder zusammenzufließen. An diesem Abschnitt war die Böschung nicht so steil und man konnte es sich recht bequem machen. Wenn der Bach nur wenig Wasser führte, gelang es mit einem beherzten Sprung sogar, die kleine Insel, die an jener Stelle entstanden war, zu erreichen. Bestimmt würden da einige Vögel auftauchen, über deren Verhalten sie ein paar Seiten schreiben konnte. Das mit dem Zeichnen machte ihr weit mehr Sorgen, ihre ungelenken Zeichenstriche ließen den Betrachter selten erkennen, was sie da mit Farbstiften zu Papier hatte bringen wollen. Sie legte sich ins Gras und fing an, sich Gedanken über die blöde Projektarbeit zu machen. „Vögel am Bach“, das würde kein Knüller werden. Während sie ihren Gedanken nachhing, war es still geworden um sie herum.

2. Vögel am Bach
„Na, Anna, kommst du gut voran?“ Blondlocke Pitzi war aufgetaucht und setzte sich neben sie. „Was tust DU denn hier?“ Sie war überrascht, dass er sie gefunden hatte, oder eher erstaunt, dass er sich überhaupt auf den Weg gemacht hatte, sie zu suchen. „Na, ist doch schön hier, da wird man sich den Tag schon vertreiben können.“ „Ja klar, und wer schreibt die Arbeit?“ „Renk dich ein, wir haben genug Zeit, lass uns das gemütlich angehen.“ Sie verkniff sich eine trotzige Antwort und fing an, nach dem ersten Vogel Ausschau zu halten.

„Hast du Zigaretten?“ Seine Frage erstaunte sie wenig, er war ein Schnorrer. „Ja, klar. Du nicht?“ „Jetzt sei doch nicht so, kriegst sie zurück.“ Was soll’s, dachte sie, auf die eine Zigarette kam es auch nicht an. So pafften sie schweigend vor sich hin, sichtlich bemüht, die Lungenzüge cool aussehen zu lassen und die aufkeimenden Hustenreize tunlichst zu unterdrücken.

„Na ihr zwei, Schule schwänzen, hä?“ Der Alte war mit seinem Hund unterwegs und erschreckte die beiden gehörig. Geschickt ließ Anna ihre halb gerauchte Zigarette verschwinden. Pitzi fing sich sofort und machte weiter einen auf lässig. „Nö, Vögel beobachten, Projektarbeit heißt das heute!“ Ein selbstbewusster Pitzi wusste sich eben stets zu helfen. Der Alte lachte vor sich hin und blickte über die Wiese zu seinem unweit gelegenen Hof. Er sah etwas verschroben aus in seiner zu kurzen Hose, in welcher ein helles Unterhemd steckte, und die von einem ausgeleierten Hosenträger gehalten wurde. „Vögel, von wegen. Heute gibt es hier doch nur noch Piepmätze! Früher, als der Bach nicht reguliert war, trat er regelmäßig über die Ufer und schwemmte die Felder bis zu meinem Hof. Überall Wasser. Da gab es jede Menge Störche und Fischreiher zu sehen! Die hatten ein Festmahl, so viele Frösche wie zu holen waren.“ „Echt?“ Jetzt war Pitzi offenbar interessiert. „Dann war der Radweg ja gar nicht mehr befahrbar, oder?“ „Radweg! Junge, damals gab es keinen Radweg, der wurde erst mit dem Damm gebaut. Ja ja, das sah hier alles ganz anders aus.“

Anna hatte den alten Mann mit seinem Hund schon oft hier gesehen, jedoch noch nie mit ihm gesprochen. Er war ihr immer etwas verstockt vorgekommen mit dem schlurfenden, gebückten Gang und einem kalten Stumpenrest im Mund. Jetzt fand sie ihn eigentlich recht sympathisch und das brachte sie auf eine Idee. „Würden Sie uns mehr erzählen aus dieser Zeit? Für die Projektarbeit?“ Pitzi staunte und schaute sie fragend an. „Na,“ flüsterte sie ihm zu „hat ja niemand gesagt, wir müssen eine Gegenwartsgeschichte schreiben, oder?“

„Wenn ihr meint, von mir aus. Heute ist Freitag, da bäckt meine Frau immer einen Kuchen. Kommt doch mit, dann trinken wir dazu einen Tee und ich zeige euch die alten Fotos.“ Anna sagte begeistert zu und Pitzi war ganz still geworden.

3. Anderswelt
Pitzi fühlte sich in der vorsintflutlichen Küche sichtlich unwohl. Er war den Rauch vom Holzofen nicht gewohnt und die vom Ruß geschwärzten Wände fand er gruselig. Aus dem Stall drang Viehgeruch ins Wohnhaus und in der Küche schwirrten Fliegen umher. Die Bäuerin hatte tatsächlich einen Kuchen gebacken und kochte nun Teewasser, während der alte Bauer in der Wohnstube das Holzbuffet nach den Fotos durchsuchte. „Ich heiße Anna, und das ist Pitzi, äähh Peter. Wir schreiben eine Klausurarbeit über die Vögel am Bach. Es ist wirklich sehr nett von Ihnen, dass Sie uns dabei helfen.“

Inzwischen hatte Pitzi sein Zeichenbuch gezückt und mit ein paar wenigen Bleistiftstrichen den Holzofen mit der dampfenden Pfanne darauf skizziert. Anna schielte über seine Schultern und stupste ihn frech an. „Hey, du kannst ja richtig gut zeichnen, hätte ich dir gar nicht zugetraut!“ „Na, wenn ich an dein Gekritzel im Zeichenunterricht denke, mache ich die Zeichnungen für unsere Arbeit wohl lieber selber.“ „OK,“ sah sie ein, „1:0 für dich.“

Der Bauer setzte sich zu ihnen an den Küchentisch und sortierte ein paar Fotos aus. »Hier, das muss etwa dreißig Jahre her sein. Diese Bilder hat der Zeitungsfotograf damals gemacht und sie uns anschliessend geschenkt.« Die Schwarz-Weiss-Fotos steckten in einer Kartontüte und waren bereits leicht vergilbt. »Das Wasser hat die kleinen Fische bis auf das Feld geschwemmt. Die Graureiher konnten die zappelnden Tierchen im Spaziergang schnappen. Und hier, gleich fünf Störche haben sich den Bauch neben unserem Stall vollgeschlagen.« Als die Bäuerin eines der Fotos in die Hand nahm, blieben ihre trüben Augen daran hängen und ein Lächeln erhellte kurz ihr Gesicht. Sie streifte die Fingerkuppen sanft über das Bild und sagte »Schau, Kind, da stehst du vor dem Haus, mit dem Bäri.« Anna und Peter schauten erst die alte Frau und dann einander verwundert an. Der Bauer zog sein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und und als er sich damit die müden Augen rieb, war es still geworden in der Küche.

4. Zur Sache
Einen halben Apfelkuchen später hatten sie genug Material für die Arbeit zusammen und der Bauer gab ihnen sogar ein paar der Fotos mit. Sie verabschiedeten sich dankend beim alten Ehepaar und gingen zurück zum Bach. „Siehst Du, alles easy. Ich sag doch, man muss so was langsam angehen.“ „Ja ja, alles easy. Vor allem der coole Obermacker aufm Bauernhof. Wie erklärst du das bloß deiner Mutti, dass du nach Kuhstall riechst?“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, tat es ihr ein wenig leid, dass sie ihn wieder pikste. Er schien es gelassen zu nehmen, pflückte ein Gänseblümchen und legte sich in die Wiese. „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Sie liebt mich.“ „Was soll das denn, machst du hier jetzt einen auf romantisch oder was?“ »Du bist zickiger, als ich dachte.« Das saß.

»Ist sowieso spät geworden, ich mach mich auf den Heimweg.« »Spät ist um die Zeit nur für Streberinnen. Wir können das nächste Woche zu Papier bringen.« »Ach, und was hast du vor? Gänseblümchen pflücken?« »Lass uns eine rauchen.«

»Hast du es schon mal getan?« »Was?« »Na, was schon!« »Wieso sollte ich das ausgerechnet dem Obermacho meiner Klasse erzählen?« »Du bist also nicht nur zickig, sondern auch verklemmt.« »Dann zeig mir, wie’s geht, und erzähl erstmal von dir. Wie war’s denn so mit Nikita, hm?« Er nahm einen Zug der Zigarette, drückte den Stummel zwischen Daumen und Mittelfinger zusammen und spickte ihn in den Bach. Nachdem er den Rauch geräuschvoll durch die rund geformten Lippen gepresst hatte, verschränkte er die Arme hinter dem Kopf und legte sich ins Gras, den Blick in den blauen Himmel gerichtet. Er wandte seinen Kopf auf ihre Seite und sah sie unvermittelt an. »Gar nicht.« »Wie bitte?? DAS Gesprächsthema an der Schule seit über einer Woche – und es war nichts? Du willst mich doch veräppeln!«

Blondlocke blinzelte in den Sommerhimmel und zuckte mit der Schulter: »Die Leute reden gerne, das weißt du genau.« »Jetzt hör aber auf, weder du noch Niki haben das abgestritten, und jetzt willst du behaupten, es war eine Zeitungsente. Im übrigen geht es mir am Arsch vorbei, mit wem du ins Bett steigst, das ist deine Sache. Ich will nur nicht zum Tagesgespräch werden, wenn du morgen irgendeinen Mist rausposaunst. That’s all.«

»Niki und ich waren grad so richtig in Fahrt gekommen mit rumknutschen. Just in dem Moment, als ich an ihrem Reißverschluss rummachte, kam mein kleiner Bruder ins Zimmer.« »Kleinen Brüdern kann man Geld für ein Eis geben, dann verziehen sie sich wieder, oder?« »Er war aufgeregt, weil er im Garten eine Blindschleiche gefunden hatte. Die brachte er mit nach oben, um sie mir zu zeigen. Niki kreischte angewidert und machte sich aus dem Staub. Was weiß ich, was sie mit ihren auf Neuigkeiten wartenden Freundinnen tratschte. Mich hat keiner gefragt.«

»Tut mir echt leid, wenn ich dich auslache, aber du musst zugeben, die Geschichte ist amüsant.« »Es spielt so oder so keine Rolle, nach diesem Semester bin ich wieder weg.« »Wieso das denn, lässt Du das letzte Schuljahr etwa aus?« »Nein, ich absolviere es nur nicht hier. Meinen Eltern gefällt es wohl doch nicht auf dem Land, wir ziehen um nach Basel.« »Cool! Da wär ich sofort dabei, freust du dich etwa nicht?« »So cool ist es nicht, alle zwei Jahre umzuziehen, glaub mir.«

Peter wandte sich ihr zu und stützte sich lässig auf den Ellbogen. Er setzte sein verschmitztes Grinsen auf, zwischen den Zähnen einen Grashalm, und sah verdammt gut aus. »Heute wär ein Wetter, um Dichter zu zeugen, vielleicht möchtest du ja die Gelegenheit ergreifen?.« »Hau bloß ab!« Und grade, als sie dies sagte, war es still geworden am Bach.

5. Semesterende
»Es geschehen noch Zeichen und Wunder!« Der Biologielehrer eröffnete die Stunde – es war die letzte der Projektwoche und läutete somit die Sommerferien und den Semesterwechsel ein. Anna hatte nie verstanden, wen er mit seinen doofen Sprüchen beeindrucken wollte, bei ihr klappte es auf jeden Fall nicht. Heute würden sie die Klausurarbeiten zurück bekommen und die Noten dazu erfahren. In Biologie bedeutete das stets ein Spießrutenlauf, der Lehrer genoss es sichtlich, die jeweils besten Arbeiten gegen die miserabelsten auszuspielen. Anna war in Bio Mittelmaß und ganz glücklich darüber. So musste sie ihre Arbeiten nie vor der Klasse präsentieren und wurde dafür auch nicht klein gemacht.

»Einige von euch haben mich überrascht – ich hätte nicht gedacht, dass ihr euch so dreinhängt in die Arbeiten. Nun, es gibt auch jene, bei denen ich überhaupt nicht überrascht bin, aber das wird euch nicht überraschen.« Die Klasse nahm die für den Lehrer typischen Bemerkungen mit Seufzern und theatralischen Augenrollern zur Kenntnis. Angespannt waren nur jene Schüler, deren Versetzung ins nächste Semester von dieser Note abhängig sein würde. Wie Peter zum Beispiel.

Die Inszenierung begann. »Martin und Evelyn zum Thema Im Bienenstock. Keine Überraschung.« Durchgefallen. »Petra und Marion – Feldblumen. Immerhin, der gute Wille ist zu erkennen.« Könnte eine genügende Note bedeuten. Und so ging es weiter, der Lehrer verteilte die Arbeiten mit entsprechenden Kommentaren an die Schüler, angefangen bei der schlechtesten Note. Und gerade, als Anna und Peter sich fragend anschauten und dachten, der Lehrer hätte ihre Arbeit vergessen, da trat der Biolehrer vor Peters Pult.

»Peter und Anna zum Thema Vögel am Bach.« Bühnenreife Pause. Kindisches Kichern in der Klasse. Austausch vielsagender Blicke. »Grandios! Seriöse Recherche. Dokumentarisch hinterlegt. Großartige Zeichnungen. Fabelhafter Text. Eine glatte Sex!« Anna wich das Blut aus dem Gesicht. Sie sah buchstäblich alles den Bach runter gehen, genau so, wie sie es erwartet hatte. Anna wagte einen Blick in die Runde, die sich auf den Spott vorbereitete. Tuscheln. Als sie ihren Blick Peter zuwendet, schmunzelt der Macho zufrieden vor sich hin. Als er verheißungsvoll mit der rechten Augenbraue zuckte, war es still geworden im Klassenzimmer. 

 

Am Rande irgendeiner Innenstadt

1963 – 1986
Jahreszahlen,
in Stein gemeißelt,
getrennt
durch einen Binde-
strich von dreiundzwanzig
Jahren Dauer.

Die Zeit dazwischen:
Dein Leben

Ich sitze auf einer Bank am Rande irgendeiner Innenstadt und nippe am Leben. Nicht, dass es zu heiss wäre, wie frisch aufgegossener Tee, nein, es scheint mir nur zu kostbar, um es gierig zu verschlingen. Der Becher ist gut gefüllt, auch wenn Du einen kräftigen Schluck davon getrunken hast. Ich ging sparsam um mit der Leere, die Du hinterliessest, teilen musste ich sie mit niemandem.

Die Zeit stand ohnehin still, weisst Du. Jedes noch so sanfte Berühren dieser Stille liess die Fragen glühen und verwischte die Antworten, längst bevor sie jemand niederschreiben konnte. Lautlosigkeit füllte die Glasglocke. Verblasste Antwortbuchstaben stillten die Zeit.

Das Leben ist ein Salamander. Verliert es einen Körperteil, wächst ein Neuer nach. Das hast Du nicht gewusst, oder? Du dachtest, da würde nichts mehr wachsen und Öde war nie Dein Land gewesen. Niemand konnte so fabelhaft wie Du vom Hier in die Fremde entführen. Deine Welt war das tiefe Horn des Dampfschiffes, das in die See stach, die auch Du selbst warst. Du warst das ansteckendste Lachen im Gesicht, kleine Grübchen, in die man sich verbergen konnte. Da spielte noch Musik. Wie schade, dass Du sie nicht hören konntest im Knall des Aufpralls auf die Mauer.

Ich kann sie sehen, die Mauer, am anderen Ende der Innenstadt. Bilder verblassen nicht, weisst Du. Das ist das Schlimme: zusehen. Man wird älter davon. Ich habe mir geschworen, heute nicht zu gehen, auf dieser Bank sitzen zu bleiben und das Leben in mich hinein rieseln zu lassen, weil ich früher oft gegangen bin, allzu oft. Und wer weiss – möglicherweise vermag der Regen doch noch, die Bilder zu verwaschen.

Kursiver Text: Aus »Der Schnee gilt mir« von Hermann Burger

Suppe mit Spatz

In der kleinen, längst veralteten Gaststube, die gut zu einem Drittel aus dem Ausschankbuffet besteht, weht über den einsamen Tischen der Geist vergangener Stammtischrunden. Obwohl seit Jahren rauchfrei, sind die weiss-grauen Wolken ausgestoßener Zigarrenluft präsent und beißender Geruch schleicht sich in die Erinnerung der spärlich eintreffenden Gäste.
Nein, die langjährige Serviertochter schlängelt sich nicht mehr durch die eng aneinander stehenden Gasthausstühle, als tanze sie mit ihnen Tango. Der Wirt erzählt von besseren Tagen, die vor der Krankheit ihr Leben bestimmt und bereichert hatten.
Was geblieben ist – unerschütterlich all die Jahre – ist die Menukarte. Ein sicherer Wert auf eingeschweißtem Papier, Tradition, an der man hier festhält. Und so stellt der Wirt den Suppenteller mit den üblichen drei Tranchen Siedfleisch und die große Suppenschüssel zum Nachschöpfen auf den kleinen, ovalen Tisch. Mein Lieblingstisch, an der Nische zum Balkonfenster. »Ohne Markknochen und ohne Senf, wie früher, oder?« »Ja, wie immer, ich danke dir.«
Die alte Dame am Nebentisch durchforstet das Wochenblatt nach Nachrichten, die sie nicht schon in der Migros vernommen hat. Etwas Ungeheuerliches, mit dem sie als Minnesängerin durch die Gasthäuser der Stadt ziehen könnte, jene Stuben, die es besser mit ihr meinen als ihr eigenes, einsames Wohnzimmer zu Hause. »Bei Alma«, erzählt sie, »haben sie den Wintergarten eingeschlagen und den ganzen Schmuck mitgenommen!« »Man ist einfach nicht mehr sicher in der Stadt« hängt der Wirt ein. »Heute gibt es bei uns schon wieder keine einzige Zeitung, hat wohl einer geklaut vor der Türe.« »Na, die Zustelldienste sind auch nicht mehr, was sie mal waren.« Ein Ping-Pong-Gaststubengespräch zwischen Wirt, Gast eins und Gast zwei entwickelt sich und führt weiter vom Zeitungsklau zum FC Aarau (der ein notabene erstklassiges Potential völlig unbenutzt verkümmern lässt) zu den neu eingeführten Gebühren der Stadt, über das wieder eröffnete Rössli (keine Ahnung, wie der mit diesen Öffnungszeiten Geld verdienen will) zur Schwierigkeit, mit dem Rauchen aufzuhören und damit wieder zur viel zu spät erkannten Lungenentzündung der langjährigen Serviertochter. Ein bei allen sehr beliebtes Stadtoriginal ist sie, die sich nicht mehr auf den dünnen Beinen halten kann, auf denen sie all die Jahre Tischtango tanzte.
»So!« Er sprach dieses »So!« aus wie eines dieser lasst-uns-nicht-Trübsal-blasen-Sos. Fast schon glaubte ich, in diesem »So!« einen jetzt-wird-alles-besser-Grundton zu hören, ein Hoffnungsschimmer-So. Ich schließe mich der Aufbruchstimmung an, lobe das – wie immer – ausgezeichnete Pot-au-feu (was für ein gewagter neuer Ausdruck für Suppe mit Spatz!) und frage nach, ob es denn noch diese wundervollen Caramelchöpfli gäbe? »Ja, gerne.«
Ein ganz gewöhnliches, sich über die Jahre hinweg gerettetes »Ja gerne« legt sich über die Gedankenwolken der Gaststube und gesellt sich zu dem Seufzer, der das »So!« aus dem Fenster gefegt hatte.

1000 Tode schreiben

Wie oft hatte ich mir seinen Tod gewünscht. Nie hatten wir uns verstanden, was wir auch taten, die in uns gesetzten Erwartungen konnten wir nicht erfüllen. In hoffnungsloser Überforderung blieb uns nur die Wut über den jeweils anderen.

Ein ganzes und ein halbes Leben später ein Anruf: »Er ist im Krankenhaus. Kam nicht mal mehr die drei Tritte zur Haustüre hoch und fiel einfach vornüber hin.« »Wie schlimm ist es?« »Ich weiß auch nichts Genaues. Er liegt im Haus 6, falls du hingehen willst.«

Ich hatte noch einen Arbeitsnachmittag vor mir, die Klinik lag in der Nähe des Büros, die medizinischen Abklärungen dauerten erfahrungsgemäß Stunden – kein Grund zur Eile. Es war schon dunkel, als ich an jenem Novemberabend beim Empfang eintraf und nach seinem Zimmer fragte. »Sind Sie verwandt mit ihm?« Die Frage irritierte mich. »Ich bin die Tochter.« »Ach so. Nun, Ihr Vater liegt im Haus 1, Intensivstation, wussten Sie das nicht?«

Ich war die Einzige, die auf einem der Stühle vor der dicken Milchglastüre saß. Irgendwann öffnete sie sich. Der Pfleger führte mich in ein Zimmer, vollgestopft mit Monitoren und piependen Geräten, die den Raum mit blinkenden Lämpchen und Kurvendiagrammen aufhellten. Da lag er, dieser Baumstamm von einem Mann, in einem großen Bettgestell. Das Gesicht von einer Sauerstoffmaske zur Hälfte abgedeckt, die Bärentöterpranken kraftlos neben dem Körper. Zwölf Plastikbeutel, die Schläuche durch farbige Kupplungen verbunden, hingen an filigranen Metallständern und fanden ihren Weg in Vaters Armbeuge. »Unterzuckerung, Ohnmacht, Nierenversagen. Herzinfarkt, epileptischer Anfall, der totale Kollaps.« Die Erklärungen des Pflegers riefen mir die Äußerungen meines Vaters in Erinnerung: »Unsereins kann nur noch auf das Sterben warten.« Mir wurde klar, dass er sich diese Chance nicht entgehen lassen würde.

Zwölf Tage dauerte es, bis sein Leben rückwärts an ihm vorbei gezogen war. Endlose Wochen ohne Sinn nach der frühzeitigen Zwangspensionierung. Fünf Kinder durchgebracht mit der Frau, in die er sich unsterblich verliebt hatte. Harte körperliche Arbeit, einen Platz in der Gesellschaft erkämpft. Die Heimat ohne Perspektiven verlassen nach der Kindheit voller Entbehrungen im schrecklichen, braunen Krieg.

Inzwischen wurden die Schläuche abgehängt, Verlegung in ein Einzelzimmer. Würdige Rücksichtnahme, die ich in einem Krankenhaus dieser Größe nicht erwartet hätte. Seltene, kurze Augenblicke im halbwachen Dasein, stille Stunden am Sterbebett. Die letzten wachen Sekunden vor den Morphiumspritzen befand er sich wieder am Meer, die letzten Worte sprach er in seiner Muttersprache.

Als es so weit war spürte ich es und ging zu ihm. Der verbrauchte, aufgedunsene Körper, in dem sich der Atem bereits zurückgezogen hatte und es kaum bis zum Kehlkopf schaffte. Umso präsenter sein Wesen, entledigt von Wut und Sorge, von Schuld und Unausgesprochenem. Mit der Wut in ihm war auch meine weg gegangen; unnötig, darüber Worte zu verlieren. Wir beide wieder am gleichen Ort wie zu Beginn, am Ausgangspunkt, als es nur die Liebe gab, die uns verband. Vollkommen unerwartet durften wir diesen einen friedlichen Moment unseres Lebens noch ein zweites Mal teilen. Er hatte es geschafft, für ihn war es vorbei. Ich gönnte es ihm, und ein klein wenig neidisch war ich auch.

Ich spürte seinen Wunsch nach einem Gebet und sprach es für ihn aus, das Vater unser, ein letztes Mal. Die letzte Berührung, mit dem Handrücken über seinen Arm. Das letzte kurze Schnappen nach Atem, kaum wahrnehmbar, das letzte Aushauchen von Leben.

Der Text ist im E-Book „1000 Tode schreiben“ – ein Projekt des Frohmann Verlag, Berlin – mit der Nummer 88 erschienen und kann hier bestellt werden. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

ISBN ePub: 978-3-944195-55-1 /ISBN mobi: 978-3-944195-56-8

Die Frau im Zug

Fahren Sie auch nach Bern?

Das Meeting in Genf war anstrengender gewesen als gedacht und er hatte noch einige Aufgaben zur Nachbearbeitung gefasst. Einen Teil davon wollte er im Zug gleich in Angriff nehmen, die Fahrt würde fast zwei Stunden dauern. «Gerade noch erwischt!», dachte Yves und war froh, dass er einen Fenstersitzplatz fand, an dem er seinen Laptop installieren konnte. Während sich der Zug schon in Bewegung setzte, legte der junge Rechtsanwalt seinen Trenchcoat und den Aktenkoffer auf die Ablagefläche oberhalb der Sitzplätze und machte es sich bequem. Er sass auf der rechten Seite des Zuges, was ihm den Blick auf den Lac Léman und seine herrliche Bergkulisse ermöglichen würde.

Yves war durstig und trank den Rest seines Mineralwassers aus der Petflasche. Dabei liess er seine Augen durch das Zugabteil schweifen. Vis-à-vis lag eine junge Frau in kurzen Hosen, braun gebrannt und offensichtlich sehr müde. Der Koffer unter ihrem Sitz verriet, dass sie wohl direkt aus den Ferien kam und schon im Flughafen zugestiegen war. Ihren hübschen Blondschopf hatte sie auf eine Jeansjacke gebettet, die zusammengeknüllt auf der Armlehne lag.

Im Abteil nebenan, auf der gleichen Seite wie Yves, streckte ein hochgewachsener Mittvierziger seine langen Beine unter den gegenüber liegenden Sitz, der nicht belegt war. Am Fenster, schräg gegenüber von Yves, entdeckte er einen bunt gepunkteten Regenmantel, der am dafür vorgesehenen Haken neben der Fensterscheibe hing. Die Besitzerin des farbenfrohen Stückes hatte ihn entweder dort vergessen oder sass vielleicht im Restaurantwaggon des Zuges.

Der bunte Regenmantel am Fenster erinnerte ihn an seine Kindheit, als er mit seiner Mutter aus der Romandie in die deutsche Schweiz umgezogen war. Damals hatte seine Mutter eine Stelle in Bern angenommen. Zum ersten Mal leitete eine Frau das Collegium generale der Universität Bern. Heute war er stolz auf seine Mutter, als Bub konnte er den Umzug aber nicht verstehen. Es war ihm sehr schwer gefallen, seine Grosseltern und die Schulfreunde zu verlassen. Bald würde der Zug durch diese malerische Gegend fahren, fast mitten durch die Rebberge, in denen er damals viel Zeit mit seinem Grand-Père verbrachte. Nach dem Umzug war dies nur noch in den Schulferien möglich gewesen, weshalb ihm diese Wochen als schönste Zeit des Jahres in Erinnerung geblieben waren.

In Gedanken versunken, blickte Yves aus dem Zugfenster über den glitzernden See. Er erinnerte sich sehr genau daran, wie unglücklich er damals war und welche Angst er hatte, keine neuen Freunde zu finden. Wer würde ihm schon seinen Blutsbruder Jacques ersetzen können? Ob seine neue Lehrerin auch so lustig sein würde, wie Madame Dumas, oder ob er einen strengen Lehrer bekommen würde?

Als sie damals mit dem Zug nach Bern gefahren waren, um die neue Wohnung zu besichtigen, hatte er seiner Mutter sein Herz ausgeschüttet. «Aber natürlich wirst du neue Freunde finden, hier gibt es genau so viele tolle Jungs wie in Lutry. Mach dir keine Sorgen», hatte sie gesagt. Sie hatte ihm übers Haar gestrichen und liebevoll die Stirn geküsst. Und dann hatte er den bunt getupften Regenmantel gesehen, schräg gegenüber am Haken neben dem Fenster. Die Frau, die neben dem Mantel sass, hatte einen Stapel Hefte auf ihrem Schoss und malte mit einem Farbstift kleine Zeichen auf die beschriebenen Seiten. Sie schmunzelte vor sich hin und sah sehr nett aus. Wie seine Mutter trug sie ihre dunklen Haare schulterlang. «Maman, maman», hatte er mit leiser Stimme gerufen, und dann geflüstert: «So wünsche ich mir meine neue Lehrerin!» «Mein lieber Yves, bestimmt wirst du deine neue Lehrerin oder deinen neuen Lehrer mögen», hatte Maman leise erwidert.

Nach dem Umzug in den Sommerferien hatte er schon Nico kennengelernt, ein quirliger Kerl mit Sommersprossen im Gesicht. Sie hatten zusammen mit Tim, der Jahre später mit ihm zusammen studieren würde, Fussball gespielt. Er wusste, dass er die beiden Jungs an seiner neuen Schule wiedertreffen würde. Aber was, wenn die anderen Kinder ihn nicht mochten?

In der Nacht vor dem ersten Schultag hatte Yves kaum geschlafen. Er war nervös und blickte am frühen Morgen aus dem Fenster. Der Himmel war mit dicken, dunkelgrauen Wolken überzogen. «Du bist so still», meinte seine Mutter beim Frühstück und munterte ihn auf: «Yves, du bist ein grossartiger Junge, deine Klassenkameraden werden dich mögen, du wirst sehen. Komm, zieh deine Regenjacke an und gib mir die Hand, wir gehen zusammen zum Schulhaus », forderte sie ihren Sohn auf. «Maman! Ich bin doch schon gross! Was denken denn die anderen, wenn ich noch an deiner Hand gehe?» Und so gingen sie nebeneinander her zur Schule und Yves fühlte sich schon fast ein bisschen erwachsen.

«Sandwich, Kaffee, Getränke!», die Ankündigung der Minibar riss Yves aus seinen Gedanken. Erstaunt sah er, dass sie schon an Lausanne vorbeigefahren waren. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass der Zug angehalten hatte und der Mann im Abteil neben ihm offenbar dort ausgestiegen war. Die Frau ihm gegenüber schlief immer noch tief und fest. Er kaufte sich eine Cola und erhaschte noch die letzten Blicke auf die Lavaux, die Rebberge und den See, bevor der Zug in Richtung Fribourg abbog.

Auf dem Weg zum Schulhaus hatte der Regen eingesetzt und seine Mutter achtete darauf, dass Yves nicht in die nächstbeste Pfütze sprang. Kaum hatten sie den Schulhauseingang erreicht, kam ein Mann auf die beiden zu. «Frau Aeby, herzlich willkommen! Und du bist also Yves.» Yves gab dem Rektor artig die Hand und schaute sich dann neugierig im Schulhaus um. «Ah, und da kommt auch schon Frau Schütz, deine neue Lehrerin!», rief der Rektor. Yves drehte sich um, blickte über den Pausenplatz und sah eine Frau auf sie zukommen. Sie hatte dunkle, schulterlange Haare, trug einen bunt getupften Regenmantel und lächelte fröhlich. Und da wusste er: alles würde gut werden.

Yves musste schmunzeln, er dachte gern an diese Zeit zurück, auch wenn es für ihn nicht immer einfach war. Erstaunlich, was für Geschichten dieser bunte Regenmantel, der dort drüben am Haken hing, in ihm hervorrief. Inzwischen fuhr der Zug entlang des Plateaus, welchem das Gruyère mit seiner hügeligen Landschaft zu Füssen lag. Yves mochte diese Strecke und genoss die Aussicht auf das Spiel von Licht und Schatten über den abgemähten Wiesen. Der Laptop stand noch unberührt auf dem ausgeklappten Tablar. Seine anfängliche Motivation, sich auf der Rückfahrt sogleich in die Arbeit zu stürzen, war verschwunden. Viel lieber hing er seinen Gedanken nach.

«Danke fürs Aufpassen, ist ja alles noch da!» Yves drehte den Kopf in Richtung der Stimme, die ihn aus seinen Gedanken holte. Die attraktive Frau mit den dunklen, adrett gezähmten Locken lächelte keck, als sie sich an den Sitzplatz zu ihrem bunt getupften Regenmantel begab. Yves schaute sich verwundert um und als er niemanden sah, verstand er, dass sie ihn gemeint hatte. «Oh, das habe ich gerne gemacht, mein Honorar dafür wird sie allerdings schockieren», entgegnete er ihr mit einem Augenzwinkern. «Nun, wir werden sehen,» konterte sie mit angedeutetem Stolz und einer hochgezogenen Augenbraue, «ob es da noch Verhandlungsspielraum gibt. Fahren Sie auch nach Bern?»

Yves blickte in ihre zauberhaften, dunkelbraunen Augen und antwortete: «Ja, ich fahre auch nach Bern, jetzt erst recht.»

Der Text wurde im Rahmen des Schreibwettbewerbes „Die Frau im Zug“ im Vidal Verlag ausgewählt und publiziert. Das Buch ist vergriffen, kann allerdings als E-Book hier bestellt werden.