Die Frau im Zug

Fahren Sie auch nach Bern?

Das Meeting in Genf war anstrengender gewesen als gedacht und er hatte noch einige Aufgaben zur Nachbearbeitung gefasst. Einen Teil davon wollte er im Zug gleich in Angriff nehmen, die Fahrt würde fast zwei Stunden dauern. «Gerade noch erwischt!», dachte Yves und war froh, dass er einen Fenstersitzplatz fand, an dem er seinen Laptop installieren konnte. Während sich der Zug schon in Bewegung setzte, legte der junge Rechtsanwalt seinen Trenchcoat und den Aktenkoffer auf die Ablagefläche oberhalb der Sitzplätze und machte es sich bequem. Er sass auf der rechten Seite des Zuges, was ihm den Blick auf den Lac Léman und seine herrliche Bergkulisse ermöglichen würde.

Yves war durstig und trank den Rest seines Mineralwassers aus der Petflasche. Dabei liess er seine Augen durch das Zugabteil schweifen. Vis-à-vis lag eine junge Frau in kurzen Hosen, braun gebrannt und offensichtlich sehr müde. Der Koffer unter ihrem Sitz verriet, dass sie wohl direkt aus den Ferien kam und schon im Flughafen zugestiegen war. Ihren hübschen Blondschopf hatte sie auf eine Jeansjacke gebettet, die zusammengeknüllt auf der Armlehne lag.

Im Abteil nebenan, auf der gleichen Seite wie Yves, streckte ein hochgewachsener Mittvierziger seine langen Beine unter den gegenüber liegenden Sitz, der nicht belegt war. Am Fenster, schräg gegenüber von Yves, entdeckte er einen bunt gepunkteten Regenmantel, der am dafür vorgesehenen Haken neben der Fensterscheibe hing. Die Besitzerin des farbenfrohen Stückes hatte ihn entweder dort vergessen oder sass vielleicht im Restaurantwaggon des Zuges.

Der bunte Regenmantel am Fenster erinnerte ihn an seine Kindheit, als er mit seiner Mutter aus der Romandie in die deutsche Schweiz umgezogen war. Damals hatte seine Mutter eine Stelle in Bern angenommen. Zum ersten Mal leitete eine Frau das Collegium generale der Universität Bern. Heute war er stolz auf seine Mutter, als Bub konnte er den Umzug aber nicht verstehen. Es war ihm sehr schwer gefallen, seine Grosseltern und die Schulfreunde zu verlassen. Bald würde der Zug durch diese malerische Gegend fahren, fast mitten durch die Rebberge, in denen er damals viel Zeit mit seinem Grand-Père verbrachte. Nach dem Umzug war dies nur noch in den Schulferien möglich gewesen, weshalb ihm diese Wochen als schönste Zeit des Jahres in Erinnerung geblieben waren.

In Gedanken versunken, blickte Yves aus dem Zugfenster über den glitzernden See. Er erinnerte sich sehr genau daran, wie unglücklich er damals war und welche Angst er hatte, keine neuen Freunde zu finden. Wer würde ihm schon seinen Blutsbruder Jacques ersetzen können? Ob seine neue Lehrerin auch so lustig sein würde, wie Madame Dumas, oder ob er einen strengen Lehrer bekommen würde?

Als sie damals mit dem Zug nach Bern gefahren waren, um die neue Wohnung zu besichtigen, hatte er seiner Mutter sein Herz ausgeschüttet. «Aber natürlich wirst du neue Freunde finden, hier gibt es genau so viele tolle Jungs wie in Lutry. Mach dir keine Sorgen», hatte sie gesagt. Sie hatte ihm übers Haar gestrichen und liebevoll die Stirn geküsst. Und dann hatte er den bunt getupften Regenmantel gesehen, schräg gegenüber am Haken neben dem Fenster. Die Frau, die neben dem Mantel sass, hatte einen Stapel Hefte auf ihrem Schoss und malte mit einem Farbstift kleine Zeichen auf die beschriebenen Seiten. Sie schmunzelte vor sich hin und sah sehr nett aus. Wie seine Mutter trug sie ihre dunklen Haare schulterlang. «Maman, maman», hatte er mit leiser Stimme gerufen, und dann geflüstert: «So wünsche ich mir meine neue Lehrerin!» «Mein lieber Yves, bestimmt wirst du deine neue Lehrerin oder deinen neuen Lehrer mögen», hatte Maman leise erwidert.

Nach dem Umzug in den Sommerferien hatte er schon Nico kennengelernt, ein quirliger Kerl mit Sommersprossen im Gesicht. Sie hatten zusammen mit Tim, der Jahre später mit ihm zusammen studieren würde, Fussball gespielt. Er wusste, dass er die beiden Jungs an seiner neuen Schule wiedertreffen würde. Aber was, wenn die anderen Kinder ihn nicht mochten?

In der Nacht vor dem ersten Schultag hatte Yves kaum geschlafen. Er war nervös und blickte am frühen Morgen aus dem Fenster. Der Himmel war mit dicken, dunkelgrauen Wolken überzogen. «Du bist so still», meinte seine Mutter beim Frühstück und munterte ihn auf: «Yves, du bist ein grossartiger Junge, deine Klassenkameraden werden dich mögen, du wirst sehen. Komm, zieh deine Regenjacke an und gib mir die Hand, wir gehen zusammen zum Schulhaus », forderte sie ihren Sohn auf. «Maman! Ich bin doch schon gross! Was denken denn die anderen, wenn ich noch an deiner Hand gehe?» Und so gingen sie nebeneinander her zur Schule und Yves fühlte sich schon fast ein bisschen erwachsen.

«Sandwich, Kaffee, Getränke!», die Ankündigung der Minibar riss Yves aus seinen Gedanken. Erstaunt sah er, dass sie schon an Lausanne vorbeigefahren waren. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass der Zug angehalten hatte und der Mann im Abteil neben ihm offenbar dort ausgestiegen war. Die Frau ihm gegenüber schlief immer noch tief und fest. Er kaufte sich eine Cola und erhaschte noch die letzten Blicke auf die Lavaux, die Rebberge und den See, bevor der Zug in Richtung Fribourg abbog.

Auf dem Weg zum Schulhaus hatte der Regen eingesetzt und seine Mutter achtete darauf, dass Yves nicht in die nächstbeste Pfütze sprang. Kaum hatten sie den Schulhauseingang erreicht, kam ein Mann auf die beiden zu. «Frau Aeby, herzlich willkommen! Und du bist also Yves.» Yves gab dem Rektor artig die Hand und schaute sich dann neugierig im Schulhaus um. «Ah, und da kommt auch schon Frau Schütz, deine neue Lehrerin!», rief der Rektor. Yves drehte sich um, blickte über den Pausenplatz und sah eine Frau auf sie zukommen. Sie hatte dunkle, schulterlange Haare, trug einen bunt getupften Regenmantel und lächelte fröhlich. Und da wusste er: alles würde gut werden.

Yves musste schmunzeln, er dachte gern an diese Zeit zurück, auch wenn es für ihn nicht immer einfach war. Erstaunlich, was für Geschichten dieser bunte Regenmantel, der dort drüben am Haken hing, in ihm hervorrief. Inzwischen fuhr der Zug entlang des Plateaus, welchem das Gruyère mit seiner hügeligen Landschaft zu Füssen lag. Yves mochte diese Strecke und genoss die Aussicht auf das Spiel von Licht und Schatten über den abgemähten Wiesen. Der Laptop stand noch unberührt auf dem ausgeklappten Tablar. Seine anfängliche Motivation, sich auf der Rückfahrt sogleich in die Arbeit zu stürzen, war verschwunden. Viel lieber hing er seinen Gedanken nach.

«Danke fürs Aufpassen, ist ja alles noch da!» Yves drehte den Kopf in Richtung der Stimme, die ihn aus seinen Gedanken holte. Die attraktive Frau mit den dunklen, adrett gezähmten Locken lächelte keck, als sie sich an den Sitzplatz zu ihrem bunt getupften Regenmantel begab. Yves schaute sich verwundert um und als er niemanden sah, verstand er, dass sie ihn gemeint hatte. «Oh, das habe ich gerne gemacht, mein Honorar dafür wird sie allerdings schockieren», entgegnete er ihr mit einem Augenzwinkern. «Nun, wir werden sehen,» konterte sie mit angedeutetem Stolz und einer hochgezogenen Augenbraue, «ob es da noch Verhandlungsspielraum gibt. Fahren Sie auch nach Bern?»

Yves blickte in ihre zauberhaften, dunkelbraunen Augen und antwortete: «Ja, ich fahre auch nach Bern, jetzt erst recht.»

Der Text wurde im Rahmen des Schreibwettbewerbes „Die Frau im Zug“ im Vidal Verlag ausgewählt und publiziert. Das Buch ist vergriffen, kann allerdings als E-Book hier bestellt werden.

Vordereingang

Das Öffnen der alten, hölzernen Eingangstüre erforderte ein wenig Geschick. Die abgegriffene Türfalle liess das alte Schloss nur dann aufschnappen, wenn man sie schnurgerade und kräftig nach unten drückte. Ein lautes Knack kündigte den Bewohnern im ersten Stock jeden Besucher an, noch bevor dieser das Haus betreten hatte. Das Mädchen war jetzt schon etwas grösser geworden und brauchte sich nicht mehr auf die Zehenspitzen zu stellen, um die Türfalle zu erreichen. Früher hatte sie sich einfach ein wenig an den Türgriff gehangelt um zum Ziel zu kommen. Obwohl sie ihr Elternhaus unzählige Male täglich betrat überlegte sie es sich jedesmal gut, direkt durch den Vordereingang einzutreten.
Es gab da nämlich die indirekte Variante, jene, die um das Haus herum am alten Nussbaum vorbei zum Hühnerhof und den Kaninchenställen führte. Nachdem sie die Hühner beschworen hatte, zu Ostern doch bitte extra grosse Eier zu legen und den Kaninchen die unterwegs gepflückten Grashalme durch den Maschendraht gesteckt hatte, konnte sie auf dem Kiesweg nach einem besonders schönen Kieselstein suchen. In ihrer Muschel- und Kieselsteinsammlung fanden allerdings nur die schönsten Exemplare einen Platz!
Wenn sie sich dann noch an der Waschküche vorbei die vier Treppenstiegen hinauf schlich, gab es da noch eine Tür, eine mit bunten Glasscheiben, deren Kittfugen schon zerbröckelten und doch noch alles zusammenhielten. Hinter dieser zweiten Tür befand sich nicht eine steile Stiege, die jeden Schritt knarrend begleitete und in die Laube und zum Küchenfenster führte. Nein, hinter dieser zweiten Tür erwarteten sie Geschichten und Abenteuer. Verlebte, furchige Männerhände, die bunt bemalte Vogelhäuschen basteln konnten oder über ihr Haar strichen und nach den Schulwegerlebnissen fragten. Eine ruhige, liebevolle Stimme, die sich Zeit nahm, ihr eine Geschichte zu erzählen, so wie kürzlich jene von Streuner, einem herumziehenden Hund, der am Ende der Geschichte eine richtige Familie fand, bei der er bleiben durfte.
Jetzt war jedoch nicht die Zeit des Hintereingangs. Es war an der Zeit, den direkten Weg zu nehmen. Sie holte tief Luft und drückte kräftig auf die abgegriffene Türfalle am Vordereingang, streifte sich an der ausgefransten Türvorlage nicht nur ihre Schuhe ab, sondern auch gleich ihre kindliche Neugier. Sie fasste mutig den abgerundeten, hölzernen Handlauf und nahm die steile Stiege in Angriff, die ihr mit jedem Tritt nach oben knarzend etwas einbläute. Ein „Putz deine Schuhe“ beim ersten Tritt. Ein „Räum deine Schulsachen auf“ beim Zweiten. Der Dritte raunzte ein „Du kommst zu spät“ und der Vierte warf ihr vor, die Türe wieder nicht richtig verschlossen zu haben, als sie das Haus verlassen hatte. Die fünfte Stiege schnappte nach Luft, als ob sie unter dem Gewicht des Kindes zusammenbrechen würde. Der sechste Treppentritt fand, sie sei wieder mal zu vorwitzig gewesen und frech und der Siebte wünschte sich, sie würde nur ein einziges Mal einfach ohne zu murren das tun, was man ihr sagt. Am schwersten jedoch war für sie die achte Stiege. Fast wünschte sie sich, die Nummer acht würde auch etwas schreckliches zu ihr sagen, anstatt sie jedes Mal mit Verachtung zu strafen.

Totentanz

Der schmiedeeiserne Verschlag zeugte von grosser Kunst und dem unbedingten Willen, das dahinter Verborgene würdevoll zu beschützen. Sie stand vor den gedrehten Pfeilern, verbunden durch getriebene Blütenblätter, alles ganz in trauerndem Schwarz. Sie bewunderte die Handwerksarbeit, geleistet in der Hitze der Esse, die den Schmied zum Schwitzen brachte und er das Eisen darin fast zum Schmelzen, gerade noch davor entzog er es der Glut. Gleissende Hammerschläge des mächtigen Schmieds auf die feuerroten Stäbe, sie zu biegen und zu drehen, gefolgt von kurzen Ausläufern auf den Amboss, auf dem der Hammer vor den nächsten Schlägen ruhte.

Erst beim zweiten Blick nahm sie wahr, was sich hinter den kunstvollen Gittern verbarg. Lauter Totenköpfe lagen auf ihren letzten Ruhestätten, Regalen aus Stein, den der Metz dem Berg abgerungen hatte. Dem Berg, mit dem die Verstorbenen ihr Leben verbracht hatten. Ihre Schädel, fein säuberlich gereinigt, mit hohlen Löchern, dort wo einst ihre Augen die Welt erblickten und nichts als Knochen, wo einst ihre Lippen Worte formten und Küsse spürten. Diese Köpfe, statt unter der Erde zum Verrotten zu vergraben, hatten ihre Nachkommen mitten im Dorf, im Geschehen des Lebens, wohl behütet gebettet, um ihre Ahnen unter sich zu wissen.

Sie stand da und vor ihren Augen tauchten Bilder auf, alle in diesem abgeschlossenen Raum, geschützt durch die Eisengitter, als könnten sie trotz den Luftfenstern darin nicht entfliehen. Menschen sahen einander an, ruften einander zu. Ernste Gesichter, schwere, dunkle Kleidung, von Arbeit und Not geprägte Gesichter. Da und dort ein scheues Lächeln, kurz nur, als sei es nicht erlaubt.

Durch das offene Kirchenfenster drang feierlicher Gesang des Kirchenchors und einen Augenblick lang glaubte sie, die Toten reichten sich die Hand zum Tanz.

Die goldene Armbanduhr

Sie legte die filigrane Armbanduhr längs über ihre Handinnenfläche, so, dass der goldene Verschluss des schwarzen Armbandes auf der Kuppe ihres Zeigefingers lag. Der runde Uhrkörper schmiegte sich an den sensiblen Punkt des Handtellers, an dem die Herzlinie begann. Das andere Ende des schmalen Lederarmbandes, das sich durch das Tragen der Uhr am Handgelenk zu einem Bogen geformt hatte, lag exakt am Ende ihrer Lebenslinie. Sanft, fast zärtlich, strich sie mit der rechten Hand über das leicht gewölbte Glas, das sich als schützendes Dach über das goldfarbene Zifferblatt spannte. Als Ziffern dienten zwölf eher kantige, gegen innen spitz zugeformte Balken, die der ansonsten in feinen, runden Linien gestalteten Uhr etwas Markantes verliehen. Die wiederum äusserst filigranen Zeiger hatten ihre letzte Bewegung vor ungezählten Jahren um exakt drei Uhr fünfunddreissig und vierunddreissig Sekunden ausgeführt. Seither hatte niemand es für wichtig erachtet, der Uhr und ihrer Zeit wieder Leben einzuhauchen.

Die Uhr einer längst untergegangenen Marke hatte keinen materiellen Wert. Das Gehäuse war nur vergoldet und das spröde Lederarmband konnte seine Abnutzung nicht mehr verbergen. Und doch, für sie, in deren Hand sie nun lag, war sie von unschätzbarem Wert. Sie legte die Uhr über ihr linkes Handgelenk, als wollte sie sie anziehen. Die Grösse würde passen, das zierliche Handgelenk hatte ihre Mutter ihr vererbt. Das aus Gelbgold gefertigte Herz, angebracht an der Halterung des Armbandes, legte sich schlafend auf ihre Haut.

Ihre Mutter hatte zeitlebens nicht viel Schmuck besessen. Zwei oder drei Paar Ohrringe, eine dünne Halskette aus Gelbgold, an der ein ebenfalls goldenes Kreuz hing. Dazu kam später zur Verlobung von ihrem zukünftigen Mann die filigrane Armbanduhr und kurz darauf der schlichte, ebenso gelbgoldene Ehering, den sie bis an ihr Lebensende trug. Den Ring ihres Gatten, mit dem sie mehr als fünfzig Jahre ihres langen Lebens geteilt hatte, verschenkte sie nach dessen Tod ihrer Enkelin.

Ihre Eltern waren nun schon vor vielen Jahren verstorben und auch sie selbst war alt geworden. Dachte sie an ihre Kindheit zurück, wurde ihr heute noch schwer ums Herz. Es gab nicht viele Andenken an diese Zeit, ein paar wenige Fotos nur, alle älter als sie selbst. Die Zeit, in der die Uhr, die still auf ihrem Handgelenk lag, noch tickte, lebte nur noch in ihren Erinnerungen.

Sie hatten oft gestritten, ihr Vater hatte sich alles anders vorgestellt in seinem Leben und ihre Mutter auch. Gegenseitige Vorwürfe machten das fehlende Geld nicht wett und die viel zu grosse Kinderschar war unerbittlich in ihren Forderungen an die Eltern. „Sei froh, Kind, dass wir Dich auch noch durchgefüttert haben!“ „Wärt ihr Kinder nicht, ich hätte ihn schon längst verlassen!“ Als jüngstes Kind der Familie hatte sie ihre Eltern erst kennen gelernt, als deren Beziehung längst zur frustrierten Zweckgemeinschaft mutiert war.

Und doch, zu einer anderen Zeit, musste die Verbindung ihrer Eltern eine liebevolle gewesen sein. Eine Beziehung, die gegen gesellschaftliche Zwänge kämpfte und gewann. Ein verliebter, stämmiger Mann, der sich das Geld für eine filigrane Armbanduhr vom Mund absparte und eine zauberhafte Frau, deren Herz darüber aufging. Und irgendwann, vor ungezählten Jahren, um exakt drei Uhr fünfunddreissig und vierunddreissig Sekunden, war diese Zeit vorbei.

Über fremdenfreundliche Menschen

Auf den Rückweg vom heutigen Spaziergang durch den nahe gelegenen Wald trafen wir an der Grillstelle auf eine Familie. Über dem Feuer lag eine Art Deckel, auf dem Glut und Asche aufgetürmt waren. Die Mutter wusch Gemüse am Brunnen und die erwachsene Tochter schichtete einen dünnen Teig in ein rundes Blech. Der Vater kümmerte sich um das Gemüse auf dem Grill und der ebenfalls erwachsene Sohn sass mit einem bunten Ball in seiner Hand auf der Holzbank und blickte ins Feuer.

Der mit Glut belegte Deckel machte mich neugierig und ich war so frei, die mir unbekannte Familie anzusprechen und zu fragen, ob etwas unter der Glut verborgen sei. In allen Gesichtern sah ich unvermittelt Freude über mein Interesse. Die Mutter deutete ihrer Tochter in einer mir fremden Sprache, sie soll mit mir reden und es mir erklären. Der Vater kam ebenfalls zu uns und erzählte uns in etwas gebrochenem Deutsch, dass es sich um eine Spezialität aus ihrer Heimat, dem Kosovo, handle.

In dem runden Blech, welches von einem etwa 5 cm hohen Rand umschlossen war, goss die Tochter eine weisse Sosse auf den vorher angebackenen Teig. Sie erklärte uns, dass es sich dabei um einen Pita-Teig handle, den sie selbst vorbereitet hatten. Die weisse Sosse sei Crème fraiche.

Der Familienvater erzählte uns, dass der Deckel mit der Glut auf den Blechrand gelegt würde, was uns prompt vorgeführt wurde. Das ganze müsse sehr sorgfältig vorbereitet werden, nicht zu viel Hitze, viel Geduld und Zeit. Ideal, an einem so wunderschönen Frühlingstag, da könnten sie Zeit zusammen verbringen und gemeinsam das Nachtessen vorbereiten. Nach dem Backen folgen dann weitere Schichten mit Teig und Crème fraiche, dazu wird das grillierte Gemüse serviert.

Mittlerweile gesellte sich auch der Sohn zu uns, er schien körperlich und geistig behindert zu sein. Unsere Anwesenheit machte ihn wohl etwas nervös oder er war einfach neugierig. Sein Vater strich ihm zärtlich über die Wangen, worauf sich der junge Mann beruhigte.

Ich bedankte mich bei der Familie für die Erklärungen und bemerkte, dass das sehr lecker aussah und auch der Duft war unglaublich verlockend. Der Vater meinte spontan, wir seien ganz herzlich eingeladen, mit ihnen zusammen zu essen. Leider dauere das noch ein rechtes Weilchen, weil noch ein paar Schichten sorgfältig gebacken sein wollten. Ich fühlte mich sehr geehrt und war berührt von dieser Gastfreundlichkeit uns ihnen doch völlig fremden gegenüber.

Leider mussten wir die Einladung ablehnen, was die Familie fast schon etwas enttäuschte. Der Vater erklärte uns, wo sie wohnten und er fragte, ob wir auch im gleichen Dorf zu Hause seien. Wir erklärten ihm, dass wir ganz in der Nähe wohnten, worauf er spontan vorschlug, uns eine Portion nach Hause zu bringen, damit wir nicht im Wald warten müssten.

Liebe Leser, ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich habe diese Menschen einerseits sofort in mein Herz geschlossen und anderseits um ihre offene, herzliche Freundlichkeit und um das gemütliche, entspannte Zusammensein beneidet.

Fremdenfeindlich, nein danke.

Abschied auf Raten

Es begann vor etwa 4 Jahren. Seine Frau erzählte mir besorgt und mit erstickter Stimme, der Arzt habe Verdacht auf Alzheimer geäussert. Die anfänglichen kleinen Vergesslichkeiten seien einfach immer auffälliger geworden. Aus der unauffälligen Frage beim Mittagessen „Du, welches ist schon wieder der schnellste Weg nach Rupperswil?“ wurde ein „Trinke ich den Kaffee immer mit Zucker?“.

Ich denke erst an einen schlechten Scherz. Diesen Mann kenne ich als echten Kerl. Morgens früh raus, rauf auf die ganz grossen Maschinen. Verantwortung tragen als Unternehmer, die Jungen fordern und fördern. Umsichtige Entwicklung und Planung der Zukunftsinvestitionen. Feuerwehrdienst mit Herzblut. Familie, Frau und Kinder beschützen. Der ist vielleicht ein bisschen überarbeitet, aber DEM könnte so etwas wie Alzheimer NIE passieren. Der erholt sich wieder, schliesslich ist er erst 62 Jahre jung.

Der Verdacht erhärtet sich. Er wird zur Gewissheit. Ich bewundere, wie die Familie sich mit ihrem Schicksal auseinander setzt. Was ist Alzheimer? Was kann ich tun? Nichts. Nichts kann man tun, zumindest nichts, was der Krankheit entgegen wirken würde. Sie nimmt ihren Lauf und zeigt ihr Gesicht: Tränen der Verzweiflung für diejenigen, die ihren Ehemann, Vater, Freund bei lebendigem Leib verlieren. Misslungene Versuche, den Patron im Firmengeschehen dabei zu halten. Die Sicherheit geht vor, der Kranke greift in eine Transportschnecke und kann nicht erklären, weshalb. Glück gehabt, gerade noch.

Noch kann ich mit ihm reden, er weiss, was mit ihm geschieht. Regelt, was noch geregelt werden kann. Die immer gute Laune wird rarer. Die unzähligen Erlebnisse, die er zu jeder Gelegenheit so lebensfroh erzählen konnte, verstummen. Er zieht sich zurück. Das nächste Mal, als ich ihn sehe, ist ihm schon nicht mehr wohl, wenn ich ihn anspreche. Er braucht lange, um zu verstehen, wen ich mit seinen Enkelkindern meine. „Doch, ja, natürlich, ich habe heute morgen mit ihnen Schnee geräumt!“ Bald sind seine Enkel das einzige, auf das er überhaupt noch reagiert. Ihm ist am wohlsten, wenn er nicht angesprochen wird.

Heute gehe ich wieder auf ihn zu. Schön zu sehen, dass er noch täglich in Vollausstattung im Geschäft auftaucht. Latzhose, Sicherheitsschuhe, Leuchtjacke. Ich strecke ihm meine Hand entgegen und begrüsse ihn wie immer, wie ich es seit 13 Jahren tue, wenn ich ihm begegne. „Sali Höisu, wie hesch?“ Er sieht mich an und sieht mich nicht. Dann ein Lächeln, ein Händedruck. „Hoi, besch ou do.“ Er begrüsst mich. So, wie er es noch nie getan hat in den 13 Jahren. Die Hand entzieht er mir, den Blick auch. Weg ist er, weg im Hier.

Auf diesen Beitrag hat mir die wunderbare Zora Debrunner auf ihrem Blog „Demenz für Anfänger“ geantwortet:

http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/03/03/das-erste-mal/

Herzlichen Dank, liebe Zora, Deine Beiträge über Deine Oma Paula sind sehr berührend. Die Nomination des Blog zum Grimme Online Award
2014 ist wohlverdient!