In wessen Hände

In wessen Hände legst du dein Leben?

In die deines dir liebsten Menschen, dem du uneingeschränktes Vertrauen entgegen bringst, weil du weißt, dass er es niemals missbrauchen würde? In die Hände des deutschen Narkosearztes, den du bis kurz vor dem Eingriff noch nie gesehen hast? In die steril vorbereiteten Hände des ungarischen Chefarztes der Neuroradiologie, der sie konzentriert vor seiner Brust hält und darauf wartet, dass er dir einen Katheter in die Arterie einführen kann, um von deiner Leiste über die Aorta bis zu deinem Gehirn zu gelangen? Oder legst du dein Leben in die Hände des polnischen Lastwagenchauffeurs vor dir, der mit seinem behaarten Unterarm winkt, was wohl bedeutet, dass die Gegenfahrbahn frei ist und du überholen kannst? Legst du dein Leben in die Hände deines kriegserfahrenen Kommandanten, der dir Rückendeckung verspricht, während du den Feind angreifst? Oder würdest du dein Leben in die Hände eines dir unbekannten Menschen unbekannter Nationalität legen, dessen Sprache du nicht verstehst, der dir aber zu verstehen gibt, dich mit 70 anderen Menschen in einem LKW über die Grenze in den Frieden zu fahren?

Welche Rolle spielen die genannten Nationalitäten in deinen Überlegungen, ob du dein Leben in die Hände dieser Menschen legen sollst? Legst du überhaupt jemals dein Leben in die Hände jemandes – und hattest du dabei bislang das Privileg der Wahl?

50% – Ja zur Masseneinwanderungsinitiative

Für diesen Beitrag hat mir die grossartige Zora Debrunner eine Carte blanche auf ihrem Blog erteilt:

http://apfelland.wordpress.com/2014/02/09/carte-blanche-fur-sandrastrazzi-50-ja-zur-masseneinwanderungsinitiative/

Mein Vater hat sich in den 50er Jahren mit seinem Vater zerstritten. Sie waren sich über den Weg, den die Familie in Zukunft gehen sollte, nicht einig. Als junger Mann, aufgewachsen im Krieg, schlecht gebildet, nichts anderes gewohnt als zu arbeiten, verliess mein Vater sein Land und seine Familie, um im Nachbarland Schweiz Arbeit zu finden. Dort gäbe es genug davon und man werde dafür anständig entlöhnt, so hiess es von Landsleuten. Er würde sich dort mit Fleiss jenes Geld verdienen, mit dem er sich dann im eigenen Heimatland seine Zukunft aufbauen würde. So sein Plan.

Kaum hatte er nach langem Warten seinen Pass erhalten, der ihn als Italiener auswies, ein Papier, das ihm zum ersten Mal in seinem Leben eine Identität verlieh, die über die Grenzen seiner Heimatprovinz hinaus galt, kaum hatte er dieses Dokument in seinen Händen, da zog es ihn weg. Es hat ihn nicht gestört, dass sein Name auf dem Reisepass, der ihm den Weg in seine Zukunft öffnen würde, dass der Name da falsch geschrieben war, wen kümmert das schon. Sie würden ihn halt einfach so nennen, wie es da steht und überhaupt, es würde ja nicht für lange sein.

Nun, es kam anders als gedacht. Die hübsche Verkäuferin im Lebensmittelladen hatte einfach zu schöne Augen und ihr Lächeln liess ihn spüren, dass ihm nicht alle Schweizer mit Misstrauen begegneten. Plötzlich gab es einen Grund, so rasch wie möglich Deutsch zu lernen, sich mit den Sitten dieses fremden Landes etwas genauer bekannt zu machen.

Die Verbindung der jungen Schweizerin mit dem jungen Italiener brachte den beiden einige Schwierigkeiten ein. Nicht nur aus Sicht der Schweizer, nein, auch die Italiener fanden das problematisch. Nicht die beiden. Sie heirateten und gründeten eine Familie. Die Kinder wurden als Italiener geboren, für die Bestimmung des Heimatlandes war der Pass des Vaters zuständig. Es war meinem Vater nie ein Bedürfnis, den Schweizer Pass zu bekommen. Er war Italiener, basta. Die Staatsbürgerschaft seiner Kinder, das war etwas anderes. Seine Kinder sollten Schweizer sein, das wollte er so sehr, dass er mit ihnen nur Deutsch redete – und dies obwohl seine junge Schweizer Ehefrau der italienischen Sprache durchaus mächtig war. Und sobald es möglich war, wurden seine zwei Söhne und die drei Töchter eingebürgert in das Land, in dem sie geboren wurden, dessen Sprache sie sprachen und dessen Schulen sie besuchten. Und so hat die junge Schweizerin ihrem Land fünf Schweizer geschenkt, gezeugt von einem Italiener zwar, aber hier geboren, eingeschult, ausgebildet, weitergebildet, Mitarbeiter geworden, Steuern bezahlt, Kunden geworden, Arbeitsplätze geschaffen.

Heute, sechzig Jahre nach der Ankunft des jungen Italieners in der Schweiz, haben 50% der Mitbürger seiner Kinder ihnen klar gemacht, dass es genug ist. Sie haben mit einem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der Schweizerischen Volkspartei den Kindern dieses jungen Italieners gezeigt, dass ihre Geschichte falsch gelaufen ist. Sie haben deutlich gemacht, dass ihr Vater in ihrer heutigen Heimat wohl als Arbeitskraft willkommen wäre, dass er ihr Land nach getaner Arbeit aber wieder zu verlassen hat.

Nichts mit den schönen Augen der Verkäuferin, die gehören den Schweizern; eine Italienerin soll er sich suchen, in Italien gefälligst. Die soll dann seine italienischen Kinder in einem italienischen Spital gebären. Sie sollen in Italien italienische Schulen besuchen und die italienische Sprache sprechen. Sollen sie doch in Italien auf ihren Vater warten, der in mehr oder weniger unregelmässigen Abständen nach Hause kommt. Sie könnten doch einen Beruf in der Tourismusbranche erlernen und im Sommer Schweizer Touristen bedienen, die ihnen dann erzählen, wie schön es in der Schweiz ist. Wie glücklich sie und ihr Vater sich schätzen können, dass er dort eine Arbeit gefunden hat. Und sie könnten ja mal als Touristen in die Schweiz kommen und sich anschauen, woher die Schwielen an den Händen ihres Vaters kommen: All die schönen Doppelmauerwerkeinfamilienhäuser mit extra dicken Betonwänden für die Zivilschutzkeller, all die prachtvollen Bankgebäude mit Hochsicherheitsbetonwänden.

Für die schöne Verkäuferin gibt es natürlich auch einen Plan: Sie könnte doch einen Schweizer heiraten, am besten einen Bauern. Sie müsste ihm nicht gerade fünf Schweizer Kinder gebären, zwei würden schon reichen. Am besten einen Sohn, der den Bauernhof übernehmen könnte und eine Tochter, die dann einen anderen Bauern heiraten könnte. Oder sonst einen reichen Schweizer, einen Banker zum Beispiel, der in dem schönen Bankgebäude arbeitet, das die Italiener ihm gebaut haben. Mit nur zwei Schweizer Kindern pro Schweizer Familie wären die Schweizer Schulen nicht so überfüllt und auf den Strassen wäre genug Platz, damit die Schweizer Schüler zur gleichen Zeit wie ihre Schweizer Väter unterwegs sein könnten. Das würde auch weniger Unfälle verursachen, ist doch praktisch!

Tja, liebe Kinder des jungen Italieners und der jungen Schweizerin, Glück habt ihr gehabt mit eurer Geschichte, aber jetzt ist genug! Jetzt läuft alles wieder nach Plan, verstanden?